Das Ende der Doppelherrschaft

Die Juli-Krise 1917 in Russland
Von nh
|    Ausgabe vom 21. Juli 2017

Im Frühjahr 1917 und bis in den Sommer hinein hatten die Sozialrevolutionäre und Menschewiki die Mehrheit in den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Noch schenkten viele Menschen ihnen Vertrauen. Das begann sich langsam zu ändern als die Menschewiki und Sozialrevolutionäre Mitte Mai Vertreter in die Provisorische Regierung entsandten, in eine bürgerliche Regierung, in der die Partei der Kadetten das Lager der Reaktion vertrat und die den Krieg mit allen Mitteln fortsetzen wollte.
Mitte Juni 1917 demonstrierten in der russischen Hauptstadt Petrograd rund eine Million Arbeiter und Soldaten gemeinsam unter der Losung „Alle Macht den Sowjets“. Sie forderten den Rücktritt der Provisorischen Regierung, die Machtübertragung an die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten und die sofortige Beendigung des Krieges. Ähnliches geschah in anderen Zentren des Landes.
Um diesen Protesten zu begegnen, bei einem Misslingen den Bolschewiki die Verantwortung zuschieben zu können, versuchte die Provisorische Regierung in dieser Situation ein Ablenkungsmanöver. Sie befahl eine Offensive an der Südwestfront („Kerenski-Offensive“). Nach Anfangserfolgen scheiterte diese.
Die revolutionäre Stimmung nahm weiter zu. Aber im Juni gelang es den Sozialrevolutionären und Menschewiki noch einmal auf dem 1. Gesamtrussischen Kongress der Arbeiter- und Soldatendeputierten, die Situation für die Regierung zu retten.
Anfang Juli 1917 erreichte jedoch die revolutionäre Stimmung der Volksmassen in den Zentren des Landes einen neuen Höhepunkt. Am 3. (nach unserem Kalender dem 16.) Juli 1917 demonstrierten tausende von Arbeitern und Soldaten in Petrograd für den Sturz der Regierung. Sie zogen ins Zentrum der Stadt, zum Taurischen Palais, dem Sitz des Petrograder Sowjets. Das war eine spontane Massenaktion mit Kurs auf den bewaffneten Aufstand. Doch dafür war es, so schätzten es die Bolschewiki damals – mit Blick auf die Lage im gesamten Land – ein, noch zu früh. Selbst in Petrograd hatten die Sozialrevolutionäre und Menschewiki im Sowjet noch eine Mehrheit. Die Bolschewiki wussten, eine offene Konfrontation konnte in dieser Situation nur der Reaktion nützen. Lenin war – aufgrund anhaltender Verfolgungen – bereits im finnischen Exil, aber mit der Partei im ständigen Kontakt. Am späten Abend des 3. Juli beschloss das ZK der Bolschewiki, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, um sie in friedliche, geordnete Bahnen zu lenken. Am Morgen des 4. (17.) Juli zogen erneut mehrere Hunderttausend zum Taurischen Palais, insgesamt eine halbe Million Menschen. Geplant war eine „friedliche Willensbekundung des gesamten Petrograds, der Arbeiter, Soldaten und Bauern“, wie es in einem Flugblatt der Bolschewiki hieß. Die schon am Vortag zusammengezogenen Einheiten von Offiziersschülern, Kosaken und Artillerie eröffneten das Feuer. 400 Menschen verloren ihr Leben.
Nach den Juli-Ereignissen formierte sich die Konterrevolution endgültig: Extrem reaktionäre zaristische Generale und Politiker, die Parteien der Oktobristen und der Kadetten, aber auch Menschewiki und Sozialrevolutionäre agierten gemeinsam. Revolutionäre Kräfte wurden verfolgt. Die Sowjets wurden praktisch ausgeschaltet. Damit endete die bis dahin bestehende „Doppelherrschaft“.
Zu einem Höhepunkt der reaktionären Entwicklung wurde die Ernennung von General Lawr Kornilow am 18. Juli zum Obersten Befehlshaber der Armee. Der entsandte Ende August das Kavalleriekorps des Generals Krymow in die Hauptstadt, um den Widerstand endgültig niederzuschlagen. Aber das revolutionäre Petrograd war bereit: Dem Aufruf des ZK der Bolschewiki folgend, griffen die Arbeiter zu den Waffen. In Kasernen und Fabriken wurde alles zur Niederschlagung des Putsches vorbereitet. Neue Rotgardisteneinheiten formierten sich. 8 000 Putilow-Arbeiter gingen bei Pulkowo in Stellung. Auch der Wyborger Stadtbezirkssowjet mobilisierte Truppen gegen den anrückenden Feind. In der Newamündung gingen Kriegsschiffe aus Helsingfors und Rewal vor Anker. Die wichtigsten Gebäude der Hauptstadt wurden durch revolutionäre Abteilungen bewacht. Tag und Nacht patrouillierten Matrosen in den Straßen. 60 000 Rotgardisten, Soldaten und Matrosen verteidigten Petrograd und die Revolution: Die „Wilde Division“ erreichte nicht einmal die Hauptstadt: Von Agitatoren der Bolschewiki an der Bahnlinie nach Petrograd aufgehalten, verweigerten sie den Befehl, entwaffneten ihre Offiziere.
Bereits Ende Juli/Anfang August hatten die Bolschewiki auf ihrem VI. Parteitag, der unter konspirativen Bedingungen stattfinden musste, die Situation analysiert – und das wurde durch den Kornilow-Putsch sowie nachfolgende Ereignisse bestätigt: Die Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung der Revolution war vorüber. Jetzt blieb nur der Kurs auf den bewaffneten Aufstand.


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Leserbrief zu »Das Ende der Doppelherrschaft«, UZ vom 21. Juli 2017





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