Adlerfront, La Mina und Droogs

Politik im Stadion: Eintracht Frankfurt
Von Andres Irurre
|    Ausgabe vom 7. Juli 2017
 (Foto: [url=https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Waldstadion_eintrachtadler.JPG?uselang=de]Dirk Ingo Franke[/url])
(Foto: Dirk Ingo Franke / Lizenz: CC BY-SA 2.0 DE)

Die Fanszene der Frankfurter Eintracht gehört zu den größten in Deutschland. Interessant ist die Tatsache, dass es auf den Rängen des Frankfurter Waldstadions schon immer multikulturell zuging. Es waren klare Unterschiede etwa zu Berlin, München oder Hamburg zu erkennen.
Eigentlich sollte man annehmen, dass in Ballungszentren auch das Stadionbild von den Bewohnern geprägt ist – doch das war nicht immer so. In der Main-Metropole gehören fast ein Drittel der Bevölkerung zur ausländischen Community. Deutsche mit Migrationshintergrund machen zusätzlich über 20 Prozent der Bevölkerung aus. So kommt man auf gut die Hälfte von 750 000 Frankfurtern, die ausländische Wurzeln haben.
Dass sich die Fankurve und der Eintracht-Anhang heute so kosmopolitisch gibt, war dennoch ein langer Weg, der erst einmal gegangen werden musste. Seit den späten 70er Jahren waren es in erster Linie Rocker und enthusiastische Jugendliche, die neben den Rentnern und wenigen Ausländern ins damals noch weitläufige Waldstadion kamen, um Bundesligafußball zu sehen.
Der rechtsradikale Hooligan-Fanclub „Adlerfront“ ging 1982 aus den beiden Fanclubs „United“ und „City“ hervor. Ziel der „Adlerfront“ war, sich zu organisieren und besser zuschlagen zu können – also einfach mal „Spaß am Wochenende“ zu haben. Das war das Motto. Der „Spaß“ war von einseitiger Natur, denn es ging dabei um Gewalt gegen rivalisierende Fans und um „Ausländer jagen“ im Bahnhofsviertel. Das Hooligan-Problem wurde damals so groß, dass sich die örtliche Polizei sogar zur Gründung einer Sonderkommission für „Fußballfans und Rowdys“ genötigt fühlte – die erste ihrer Art in Deutschland.
Der Mythos behauptet zwar, dass sich damals gewaltaffine junge Männer verschiedener Nationalitäten unter dem Adlerfront-Banner kloppten, aber es war nicht so. Bereits die beiden Vorgänger-Fanclubs bestanden überwiegend aus Neonazis. Diese trafen sich mit anderen braunen Extremisten zu Wehrsportübungen im Taunus, tauchten bei Nazi-Demos auf – in Reih und Glied und mit Anhängern der ANS/NA (Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten), der Partei von Michael Kühnen – oder nahmen an Schulungen zu Themen wie „Die Auschwitzlüge“ teil.
In Frankfurt verkauften sie ein eigenes Fanzine mit dem Namen „Endsieg“, das vor Nazi-Propaganda und ausländerfeindlicher Hetze nur so strotzte. Besonders intensiv mobilisierte die „Adlerfront“ – wie auch in vielen anderen Nazi-Fanclubs wie bei den „Löwen“ aus Hamburg, der „Borussenfront“ aus Dortmund oder „Zyklon B“ aus Berlin – zum Spiel der deutschen Nationalelf gegen die Türkei in Berlin, um dort gegen Türken und andere Ausländer zu kämpfen: „Ausländer raus. Werft die Ausländer aus Deutschland raus. Nur Gewalt kann uns noch befreien. Wir müssen den Anfang machen!“, stand in solchen Aufrufen, die in der ganzen Bundesrepublik in den Stadien verteilt wurden.
Die Antwort auf solche Ereignisse waren ab den 1990er Jahren die „Streetgangs“ junger Ausländer. Es entstanden die „Turkish Power Boys“, „La Mina“, „Italy Boys“ oder die „300er“ – die „Gastarbeiterkinder“ begannen sich zu wehren. Dieses Phänomen der Gang-Formierung hatte aber nicht nur mit den Angriffen organisierter Rechtsradikaler ab 1989/90 zu tun, sondern ist auch klar als Antwort auf das zu verstehen, was damals unter Integration verstanden wurde. Es war eine Antwort darauf, wie junge Menschen mit gesellschaftspolitischen Problemen umgehen, wenn sie auf sich alleine gestellt sind. Für die Fußballfans der Stadt Frankfurt stellte sich die Frage, wie man im Zusammenleben der vielen Nationalitäten damit umgehen sollte.
Wie so vieles veränderte die Kommerzialisierung des Sports auch die Fans. Der harte Kern gründete 1997 die „Ultras Eintracht Frankfurt“. Es kam zu einem jahrelangen Umbruch in der Fankurve. In dieser Phase gründeten sich die „Droogs“, eine linke Ultragruppe, die ihren Namen aus dem Buch „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess entlieh. „Droogs“ werden hier die Freunde der Hauptfigur Alex genannt, einer kleinen Jugendgang. Die junge Ultragruppe organisierte das antirassistische Fußball-Turnier in Frankfurt-Rödelheim und engagiert sich gesellschaftspolitisch gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.
Die „Droogs“ organisieren auch das monatlich stattfindende „Cine Rebelde“. Dort gibt es Veranstaltungen wie Filmvorführungen, Lesungen, Zeitzeugengespräche, Konzerte oder Stadtrundgänge rund um soziale und subkulturelle Themen. Ultragruppen beweisen immer wieder, dass sich ihr Betätigungsfeld nicht nur auf das Stadion bezieht, sondern dass sie auch politische und soziale Themen aufgreifen. Versucht wird, völlig undogmatisch und geprägt durch die vielen Ansichten verschiedener linker Richtungen innerhalb der jeweiligen Gruppe, das unmittelbare Bild der Stadt positiv zu prägen. Auch wenn martialische Banner wie z. B. „Randalemeister“ kontraproduktiv wirken, so sollte man immer genau hinschauen, wozu die überwiegend jungen Menschen über die Freude am Fußball hinaus fähig sind.
Eine Fankurve, und damit natürlich auch das ganze Stadion, ist ja auch nur ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft – mit all ihren positiven wie auch negativen Erscheinungen. Stärken wir also die progressiven Kräfte, die sich gegen die negativen Auswirkungen des Kapitalismus stemmen – in Sport und Gesellschaft.


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Leserbrief zu »Adlerfront, La Mina und Droogs«, UZ vom 7. Juli 2017





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