Neo Rauch – alles hängt mit nichts zusammen

Vom Sozialistischen Realismus zum „narrativen Realismus“?
Von Jürgen Meier
|    Ausgabe vom 7. Juli 2017
Kalimuna (Stadt aus der Hethiter-Zeit, 2. Jahrtausend v. d.Z.), Neo Rauch meint aber, den Verkauf von Kalisalzen und Munition in dieser Straße als Ortung für was auch immer darstellen zu müssen. (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/wm_archiv/14911022380] Allie_Caulfield/flickr.com[/url])
Kalimuna (Stadt aus der Hethiter-Zeit, 2. Jahrtausend v. d.Z.), Neo Rauch meint aber, den Verkauf von Kalisalzen und Munition in dieser Straße als Ortung für was auch immer darstellen zu müssen. (Foto: Allie_Caulfield/flickr.com / Lizenz: CC BY 2.0)

Neo Rauch trifft wieder auf seinen Lehrer Arno Rink: In der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben (bis April 2018) ist jetzt eine Doppelschau mit Werken der beiden Leipziger Künstler zu sehen.
Der Maler und Grafiker Neo Rauch, dessen Bilder auf der ganzen Welt hoch gehandelt werden, war schon als DDR-Teenager schwer begeistert von westlicher Rockmusik – mit besonderer Vorliebe für Punk aus Großbritannien – berichtet die Zeitschrift „Rolling Stone“. „Mich faszinierte dieses Wilde, unmittelbar in die Muskelfaserstruktur Überspringende, Widerspenstige“. Mit 14 Jahren kaufte er sich im sächsischen Aschersleben das erste Radio. Am liebsten stellte er den britischen Soldatensender BFBS ein: „Westsender hat jeder gehört, das war kein Problem, man musste es ja nicht dem Klassenlehrer erzählen. Ich war war ja eher ein Einzelgänger. Kein Sportplatzprinz oder Discoschläger. Meine Schulkameraden interessierten sich vor allem für Fußball und Skat. Mit beidem hatte ich nichts zu tun.“ Er gefiel sich als „junger Schöngeist“, der mit 16 Jahren Pfeife rauchte. „Eine Pose, die ich aus atmosphärischen Gründen einnahm, weil es meiner Vorstellung vom Dandy entsprach.“ Die Städte Leipzig und München zeigen in einer Doppelausstellung, die sich „Begleiter“ nennt, dass der Dandy Neo Rauch jubelnd im Westen empfangen worden ist. Während die „Welt“ oder der Fernsehsender „Arte“ Rauchs Werke zwar bewundern, aber doch über seinen großen Erfolg staunen, da seine Arbeiten doch häufig an den „Sozialistischen Realismus“ erinnern würden, widerspricht Rauch.
Seine Arbeiten seien Darstellungen von „Archetypen“. „Für mich steht Flamme in der Regel für Inspiration, ein altertümlicher Begriff, der in der Gegenwartskunst keine Rolle spielt, für mich sehr wohl.“ Der Psychologe C. G. Jung glaubte Archetypen aus der Astrologie, der Religion, den Träumen, Sagen und Mythen erklären zu können. Die Faszination für Archetypen, wie sie in den Bildern von Rauch in trüben Farben, in der Art werbegrafischer Collagen, gezeigt werden, beantworten die entscheidende Frage, wenn wir über Kunst und Künstler sprechen, die lautet: Können wir die Welt, in der wir Menschen leben, erkennen und begreifen, oder können wir es nicht? Ist alles nur Schicksal? Prägen uns die Archetypen von irgendwo? Neo Rauchs Antwort ist klar: Wir können sie nicht erkennen. „Verhör“ lautet der Titel eines seiner vielen Bilder, das deutlich macht, es geht in Rauchs Bildern nicht um „Träume“ oder, was Kunstexperten auch zu wissen glauben, um einen Künstler des „Surrealismus“, sondern um die Interpretation unserer Welt. Im „Verhör“ werden Menschen gezeigt, die brutal gegeneinander kämpfen, weil sie unterschiedlichen „Ideen“ anhängen. Mitten im Bild ruht ein Buch, dessen Cover an den Koran erinnert. Über diesem Buch, in der rechten Hand einen Baseballschläger haltend, streckt ein Mann wütend das Buch seiner Gesinnung, es könnte eine Bibel sein, mit dem linken Arm in die Luft und droht einem Gefangenen, der auf seiner nackten Brust viele kleine Bomben eines Selbstmord­attentäters trägt. Der Gefangene kauert auf einem Stuhl und wird von einer Frau am Arm gehalten, die deutlich an das Bild „Die Freiheit führt das Volk“ von Delacroix erinnert. Bei Delacroix streckt eine barbusige Frau die Fahne der Revolution in die Höhe. Bei Rauch ist es ein Knüppel, der jedoch wie eine Fahne wirkt, da dessen Ende sich mit einem Vorhang verbindet.
Die Botschaft Rauchs ist klar. Die Wirklichkeit der Menschen ist ein widerlicher Streit subjektiver Wahrheiten. Es gibt keine objektive Wirklichkeit. Die „Verbohrtheit“ der Menschen in ihren persönlichen Ideologien ist allein schuld an der Gewalt. Kriege sind nicht die Fortsetzung der Politik, welche die Ausbeutung von Rohstoffen und Menschen stützt, sondern sie geschehen, weil Menschen von archetypischen Urbildern schicksalshaft geprägt werden. Fazit: Der Mensch ist von Natur aus böse.

„Es ist so, dass ich malend versuche, Traumhaftes zu simulieren. Das ist es, das mich zu meinen erzählerischen Bemühungen antreibt. Wenn man die Bilder lesen will, dann sollte man versuchen, nicht allzu viel an Interpretationslust wach werden zu lassen. Sondern man sollte sich in sie hineingleiten lassen, wie man vielleicht auch versucht, einem eigenen Traum nachzuspüren.“

Mit „narrativem Realismus“, so die „FAZ“, können Rauchs Bilder nicht erklärt werden. Rauchs Bilder entsprechen dem ideologischen Zeitgeist der Spätbourgeoisie, der ist manipulativ und brutal. Wenn der Mensch von Natur aus böse ist, dann muss niemand nach den gesellschaftlichen Triebfedern fragen, warum es in Afghanistan Krieg gibt oder trotz gesellschaftlichem Reichtum immer mehr Menschen auf der Welt verhungern. Neo Rauch, so stellt die Amsterdamer „De Volks­krant“ treffend fest, habe eine „wichtige Rolle in der Ära nach dem Kalten Krieg, der Emanzipation der Kunst in den osteuropäischen Ländern und der Renaissance der neofigurativen Malerei nach 1989“ übernommen. Rauch, aber auch Gerhard Richter oder Sigmar Polke hätten im Osten nicht nur gelernt, das Handwerk der Malerei und Ästhetik mit einem zeitgenössischen Geschmack zu verbinden, sondern hätten bewiesen, „dass es sich lohnt, die Regeln der am Sozialistischen Realismus ausgerichteten Professoren aus Dresden zu brechen“. Außer Baselitz, dessen handwerkliche Fähigkeiten für die Aufnahme an einer Akademie der DDR nicht ausreichten, kommen die meisten bekannten Kunstmaler aus der DDR. Dort lernten sie offensichtlich noch das Handwerk der Malerei, um sich damit heute ausgezeichnet der herrschenden Ideologie des Westens anpassen zu können. Rauchs Bilder bleiben beim Unmittelbaren der Erscheinungen hängen. Was er seinerzeit an den Punkbands so schätzte, hat ihn orientierungslos gemacht. Denn mit der Darstellung der „Unmittelbarkeit“ lässt sich die Malerei nicht zur Kunst erheben. Das hört sich kompliziert an. Ist es auch. Es ist nur dann vom Künstler zu meistern, wenn er sich die Welt „erobern“ will. Wenn er begreifen und erkennen will, was die Welt im Innersten zusammenhält und warum Menschen in konkreten Situationen so sind, wie sie sind. Wer dagegen die Wirklichkeit für unerkennbar hält, und Archetypen zu Leitfaktoren seines Schaffens macht, wird keine Kunst schaffen können, sondern passt sich einer spätbürgerlichen Kultur an, die sich mehr und mehr vernichtet hat und die sich lediglich an der unmittelbaren Darstellung von Trieben, Tod und Gewalt aufgeilt und damit sogar Bewunderer findet. Kultur ist nämlich nicht einfach nur das, was Ideologen des Spätimperialismus gern aus ihr zu machen versuchen, nämlich Kunst. Zur Kultur gehört sicher auch die Kunst. Aber die Kultur ist mehr als Kunst. Der Verfall der bürgerlichen Kultur führt konsequent zum Verfall der Kunst, die stets Teil des Überbaus der Kultur ist. Ohne Kultur keine Kunst! Wer Kunst schaffen will, muss sich an realer humanistischer Kultur orientieren oder er wird zu grellem Rauch auf den Medienbühnen der Spätbourgeoisie. Was sich natürlich in Euros auszahlt.
Neo Rauch ist Teil des kulturellen Verfalls. Wer sich in seine Bilder vertieft, dem scheint es, als ob Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ großflächig auf die Leinwände gebannt wurde. „Als der Krieg wie eine Fackel über das graue Gemäuer der Städte lohte“, heißt es bei Jünger, „fühlte sich jeder jäh aus der Kette seiner Tage gerissen. Taumelnd, verstört durchfluteten die Massen die Straßen unter dem Kamme der ungeheuren Blutwelle, die sich vor ihnen türmte. Die Verfeinerung des Geistes, der zärtliche Kultus des Hirns gingen unter in der klirrenden Wiedergeburt des Barbarentums.“ Die Titel der Rauch-Bilder klingen daher nicht von ungefähr wie Jüngers Programmatik: „Warten auf die Barbaren“, „Paranoia“, „Die Flamme“, „Jagdzimmer“. Es geht Rauch angeblich um Zeitlosigkeit, um „ewig Gültiges“ und einen originären Geniebegriff, was genauso reaktionär ist wie seine Forderung, „den Fernseher zu zerhacken, um nicht vom visuellen Müll der Gegenwart beschmutzt zu werden“. Riesen, Gnome, Bartträger und gallertartige Gebilde, Vorhänge und Wälder, Hangare, Herrenhäuser, Abstellkammern und technisch-militärisches Gerät prägen seine Werke, deren Figuren wenig Bezug zum alltäglichen Leben haben. Rauchs Bilder vermitteln den Eindruck, als ob das gesellschaftlich konkrete Sein mit dem Bewusstsein in keiner Beziehung stehen würde. Alles hängt mit nichts zusammen. Die Kultur nicht mit dem Imperialismus und der Imperialismus nicht mit der Kunst. Die Kunst wird zur ideologischen Showbühne gemacht, auf der Kanzler, Minister, reiche Sammler, affige Journalisten und Kunstexperten als fachkundige Stil- und Sammlerexperten so tun, als ob es sich in der Kunst allein um den „Strich“, den „Stil“, die „Farbe“, das „Format“ etc. drehen würde. Sie trennen die Kunst vom Leben, weil das Leben Fragen aufwirft, die Kanzler, Minister, Kapitalisten, Sammler, Aussteller und Journalisten in ihrer Existenzberechtigung bedrohen könnte. Wird die Kunst vom Leben getrennt, kann sie nicht mehr ihre Kunst entwickeln, dem Menschen Selbstbewusstsein und einen aufrechten Gang zu vermitteln. Die Spätbourgeoisie hat zwar viel Geld, um den Kunstmarkt zu bestimmen, aber sie ist kunstfeindlich. Kunst kann nämlich nur da gedeihen, wo Kultur oder anders formuliert, wo realer Humanismus gewollt und gelebt wird. Wo sich also Leben mit Kunst und Kunst mit Leben verbindet, das nicht länger entfremdetes Leben sein will. Die Spätbourgeoisie wird, wenn sie nicht daran gehindert wird, mehr und mehr Künstler wie Rauch und andere durch Werber, Designer, Manipulateure, sentimentale Eventgestalter (Musicals) und Archetypglorifizierer ersetzen.


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Leserbrief zu »Neo Rauch – alles hängt mit nichts zusammen«, UZ vom 7. Juli 2017





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