„Denn ohne Kampf ist kein Leben“

Vor 150 Jahren wurde Käthe Kollwitz geboren
Von Eva Petermann
|    Ausgabe vom 7. Juli 2017

In einem Brief anlässlich einer Umfrage 1944, wiedergegeben in ihrem Tagebuch, findet sich dieses künstlerische Vermächtnis von Käthe Kollwitz:
„Als letztes nur noch dieses: Ich stehe zu jeder Arbeit, die ich herausgegeben habe. An jede habe ich die Forderung gestellt, sie müsste gut sein, d. h. streng gearbeitet, ohne Schluderei. Das Proletariat war für mich schön. Der Proletarier in seiner typischen Erscheinung reizte mich zur Nachbildung. Erst später, als ich Not und Elend der Arbeiter durch nahe Berührung kennen lernte, verband sich damit zugleich ein Verpflichtungsgefühl, ihnen mit meiner Kunst zu dienen.“

Aus vielen Selbstporträts der Käthe Kollwitz schaut uns ein ernstes, herbes Gesicht an. Aber hatte sie denn nicht viel Glück in ihrem Leben? Sie wusste früh, dass sie Künstlerin werden wollte – ein verwegener Wunsch für ein junges Mädchen in der Kaiserzeit. Doch ihre fortschrittlichen Eltern ermöglichten ihr eine Kupferstecherlehre und den Besuch von zwei Künstlerinnenschulen. 1988 schloss sie sich der Berliner „Sezession“ an, der einzigen Künstlergruppe, die überhaupt Frauen aufnahm.
Käthe Kollwitz verdanken wir die erschütternden Radierungen „Ein Weberaufstand“. Ihr zweiter Zyklus „Bauernkrieg“ (1901–1907) brachte ihr internationalen Ruhm ein, mit Ausstellungen in London, Paris, Wien und Moskau. Bei einem Aufenthalt 1904 in Paris kam sie mit dem von ihr verehrten Bildhauergenie Auguste Rodin persönlich zusammen.
Auch ihr persönliches Leben verlief zunächst wunschgemäß: Sie heiratete ihre Jugendliebe, den Arzt Dr. Karl Kollwitz, und hatte mit ihm zwei Söhne, Peter und Hans. Wie ihr Mann, der später für die SPD zum Stadtrat gewählt wurde, verstand sie sich als Sozialistin und Pazifistin. Nicht zuletzt hielt sie große Stücke auf ihren älteren Bruder Konrad Schmidt, der Friedrich Engels noch persönlich gekannt hatte.
Kollwitz war entschlossen, die „Schönheit des Proletariats“ darzustellen. Dass Kaiserin Auguste Viktoria 1906 ihr „abstoßendes“ Plakat-Bildnis einer mageren Arbeiterfrau aus der Deutsche-Heimarbeit-Ausstellung entfernen ließ, konnte sie verkraften. Für Kaiser Wilhelm II. waren die realistischen Zeichnungen, Lithografien und Plastiken der gebürtigen Königsbergerin ohnehin „Rinnsteinkunst“ wie auch die Werke anderer Vertreter der aufkommenden Moderne.

Selbstbildnis, 1924

Selbstbildnis, 1924

( KKMK)

Heute steht fest: Das bildnerische Schaffen dieser Künstlerin, deren 150. Geburtstag in diesem Jahr landauf, landab begangen wird, ist fester Teil der modernen europäischen Kunst.
Ihr Hauptinteresse galt den Leiden und Kämpfen der Frauen und deren Stärke und Schönheit. Diese stellt Kollwitz in einer für sie typischen, auf das Wesentliche reduzierten Form dar, so in Zeichnungen für die Münchner Zeitschrift „Simplizissimus“. Nicht zuletzt spiegelt sich darin ihr eigenes Ringen um Anerkennung und Identität als Frau und als Künstlerin.
1919 hätte die fröhliche Krönung ihrer Laufbahn sein können: Die fast 50-Jährige wurde als erste Frau zur Professorin der Preußischen Akademie der Künste ernannt. Doch 1914 hatte sie und ihren Mann – wie so viele Eltern – ein grauenhafter Schlag getroffen, von dem sie sich Zeit ihres Lebens nicht wirklich erholte: Ihr Sohn Peter war gleich zu Kriegsbeginn im belgischen Flandern gefallen.
Käthe Kollwitz stürzte sich in die Arbeit an einem Antikriegsdenkmal und gleichzeitig in ein leidenschaftliches Engagement für den Frieden und gegen jedwede nationalistische und völkische Engstirnigkeit. Dem Kriegsverherrlicher Richard Dehmel schleuderte sie 1918 öffentlich entgegen: „Es ist genug gestorben!“ Wer kennt nicht ihr Plakat „Nie wieder Krieg!“, das fast so bekannt ist wie Pablo Picassos Friedenstaube?

 

Wie viele ihrer künstlerischen Zeitgenossen, unter ihnen der Maler George Grosz, will sie „wirken in dieser Zeit“, was sie 1922 in ihrem Tagebuch festhält. Schließlich wusste Käthe Kollwitz auch durch ihren Mann um das unerträgliche Elend und die Kämpfe in den Arbeitervierteln im Berliner Norden. Sie arbeitet in der Deutschen Liga für Menschenrechte mit und unterstützt die Rote Hilfe. Sie gehört zu den ersten bildenden Künstlern, die die Oktoberrevolution von 1917 als neue Hoffnung begrüßen.

Losbuch, Blatt 5 aus dem Zyklus Bauernkrieg, 1902/1903

Losbuch, Blatt 5 aus dem Zyklus Bauernkrieg, 1902/1903

( KKMK)

Es entstehen unzählige, für die politische Agitation zentrale Werke, so das Plakat „Nieder mit dem Abtreibungsparagraphen!“, die Lithografie für die Internationale Arbeiterhilfe „Helft Russland!“(1921) sowie zwei Drucke für die „Arbeiter Illustrierte Zeitung“: das kraftvolle „Demonstration (1931) und „Solidarität“. Unter dieses Plakat schrieb sie: „Wir schützen die Sowjet­union!“.
Früh gewann sie ein scharfes Bild von der tödlichen Gefahr, die durch Hitlers NSDAP drohte. Zusammen mit über 33 prominenten Persönlichkeiten unterstützte sie eine Plakataktion vor der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 mit dem „Dringenden Appell“ insbesondere an SPD und KPD, „alle Kräfte zusammenzufassen, die in der Ablehnung des Faschismus einig sind“. Sie wiederholten die Aktion bei den Wahlen am 14. Februar 1933. Da war Hitler schon Reichskanzler und die Liste der „Erst­unterzeichner“ schrumpfte auf die Hälfte; das Ehepaar Kollwitz blieb dabei, neben Heinrich Mann und Albert Einstein u. a.
In dem Jahr davor konnte sie ihr vielleicht persönlichstes Werk „Trauernde Eltern“ endlich – nach 17 Jahren – abschließen. Das Mahnmal, in Stein gemeißelte Trauerarbeit über den Tod ihres Ältesten, wurde in der Vorhalle der Nationalgalerie ausgestellt – die Originale (Gipsfiguren) im Kronprinzenpalais. Die Wirkung war überwältigend. Sie ärgerte sich aber sehr über Kritik der „Roten Fahne“. Die KPD vermisste an dem Werk „die Antikriegsgeste“.
Zur selben Zeit fielen die Nazi-Presse und die versammelte Reaktion über diese „entartete“ Künstlerin her; das „unvölkische“ Mahnmal flog aus der Ausstellung.
Schnell hintereinander folgten 1933 der erzwungene Austritt aus der Akademie und Repressionen auch gegen ihren Mann. Ihm wurden wegen „kommunistischer Tätigkeit“ alle Kassenpatienten entzogen. Nach dem selbstlosen Armenarzt wurde übrigens in der DDR die einstige Poliklinik in Berlin-Prenzlauer Berg benannt, das heutige „Karl-Kollwitz-Gesundheitszentrum“.
Wenigstens ließ man seine Frau weiterhin künstlerisch arbeiten, bei jedoch immer geringeren Ausstellungsmöglichkeiten. Doch trotz Schikanen und materieller Notlage schuf die die 65-Jährige eine letzte lithographische Folge „Tod“ und vollendete eine ihrer schönsten Plastiken: „Mutter mit Zwillingen“ (jetzt mit dem Titel „Mutter mit zwei Kindern“).
Der „Völkische Beobachter“ höhnte: „Keine deutsche Mutter sieht so aus, wie Kollwitz sie gezeichnet hat.“ Das hielt sie nicht davon ab, mit ihrer Plastik „Turm der Mütter“ (1938) die Heuchelei der NS-Familienpolitik anzuprangern. In dieser Figurengruppe drängen sich Mütter schützend um ihre Kinder und bilden mit ihren Körpern ein Bollwerk des passiven Widerstands. Es dauerte nicht lange, bis auch dieses Werk von seinem Ausstellungsort verschwand. Immer stiller wurde es um die international einst begeistert Gefeierte, der als einzige Freude die Familie ihres zweiten Sohnes Hans blieb.
Bei einem Bombenangriff 1943 verlor Kollwitz mit ihrer Behausung auch einen Großteil ihrer Arbeiten. Sie starb nur wenige Tage vor der Befreiung am 22. April 1945 in Moritzburg bei Dresden. Ein Jahr zuvor war ihr geliebter Enkel Peter in der „Winterschlacht“ von 1942 umgekommen. Ihr Mann hatte dies nicht mehr erleben müssen.
Begraben ist das Ehepaar Kollwitz auf dem „Sozialistenfriedhof“ in Friedrichsfelde, nicht weit von den Gräbern Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts. Für ihn hatte Käthe Kollwitz 1919 den Holzschnitt „Memorial für Karl Liebknecht“ geschaffen.
In einem Brief vom 8.12.1943 resümiert die 76-Jährige: „Sei das Leben lang oder kurz – worauf es ankommt ist, dass man s e i n e Fahne hochhält und s e i n e n Kampf führt. Denn ohne Kampf ist kein Leben.“

Anmerkungen
• Veröffentlicht wurden ihre Tagebuchaufzeichnungen unter dem Titel „Erkenntnisse“ zuerst 1981 im Leiziger Reclam-Verlag (DDR); 1987 nachgedruckt im Frankfurter Röderberg-Verlag; beide sind vergriffen.
• Neu erschienen ist im März diesen Jahres: „Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken – Ein Leben in Selbstzeugnissen“ Käthe Kollwitz/Hans Kollwitz (Hrsg.) im Marixverlag Wiesbaden; 420 Seiten, mit zahlreichen Zeichnungen.
• Auf der Homepage des Käthe-Kollwitz-Museums in Köln findet sich ein Überblick über aktuelle deutsche und internationale Ausstellungen zu Ehren von Käthe Kollwitz.

In einem Brief anlässlich einer Umfrage 1944, wiedergegeben in ihrem Tagebuch, findet sich dieses künstlerische Vermächtnis von Käthe Kollwitz:
„Als letztes nur noch dieses: Ich stehe zu jeder Arbeit, die ich herausgegeben habe. An jede habe ich die Forderung gestellt, sie müsste gut sein, d. h. streng gearbeitet, ohne Schluderei. Das Proletariat war für mich schön. Der Proletarier in seiner typischen Erscheinung reizte mich zur Nachbildung. Erst später, als ich Not und Elend der Arbeiter durch nahe Berührung kennen lernte, verband sich damit zugleich ein Verpflichtungsgefühl, ihnen mit meiner Kunst zu dienen.“


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