Sei arm, stirb früher

Manfred Idler über britische Katastrophenpolitik
|    Ausgabe vom 30. Juni 2017

Schlagartig – das Wort ist Nazi-Jargon, hier passt es – wurden 4000 Menschen im Londoner Stadtteil Camden nachts aus ihren Wohnungen gescheucht, notdürftig in Sporthallen gepfercht oder in Billighotels untergebracht. Der Anlass: Eine Inspektion der Gebäude durch die Londoner Feuerwehr hatte ergeben, dass dringende Brandschutzvorkehrungen in den Arme-Leute-Silos geboten seien.
Zu der Untersuchung hatte es des Feuertods von mindestens 79 Menschen bedurft, die vor zwei Wochen ums Leben kamen, als „Grenfell Tower“ sich aufgrund untauglichen, aber billigen Fassaden-Dämmmaterials als 24-Stockwerke-Toaster erwies. Denn gewarnt worden war schon früher. Seit 2009 hatten die Versicherungen gefordert, den Brandschutz in Hochhäusern zu überprüfen, wenige Wochen vor der Katastrophe wurden neue Warnungen aus der Branche laut. Den Wohnungsbaukonzernen galt der Brandschutz als „Kostentreiber“, und deshalb wurde Kritik unter dem Tisch gehalten.
Doch die Vernachlässigung der Bedürfnisse „sozial schwacher“ Bevölkerungsschichten hat in der britischen Politik eine lange Tradition, seit Margaret Thatcher die kostenlose Schulmilch strich. Das Thatcher-Zitat „Es ist unsere Pflicht, uns erst um uns selbst zu kümmern und uns dann auch um unseren Nächsten zu sorgen“ führte zu dem Schluss: „Weil du arm bist, musst du früher sterben“. Das taugt als Motto britischer Sozial- und Gesundheitspolitik. Die Verantwortung für die Katas­trophe trägt nicht das Material, sie liegt bei realen Menschen in Politik und Gesellschaft. Inzwischen werden 600 Hochhäuser mit Sozialwohnungen auf der Insel als „gefährdet“ eingestuft.
Der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn nennt den Zusammenhang zu der Austeritätspolitik der Konservativen beim Namen. Sein Vertrauter, der Schatten-Finanzminister John McDonnell, spricht im Zusammenhang mit den Opfern vom Grenfell Tower von „Mord“ und weitet die Kritik auf die Verantwortlichen für „New Labour“ und den neoliberalen Einpeitscher Tony Blair aus. Auf eine längere Amtszeit von Premierministerin May will indes niemand mehr setzen. Ihr Umgang mit der Brandkatastrophe hat deutlich ihre Unfähigkeit gezeigt, auf Menschen zuzugehen, ihre Not mitzuempfinden und ein entsprechendes Krisenmanagement anzustoßen. Am Montag hat sie das Regierungsabkommen mit der reaktionären nordirischen Democratic Unionist Party in die Scheuer eingefahren. Aber selbst Parteifreunde geben ihr keine politische Zukunft mehr und verspotten sie als „Dead woman walking“.


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