Fußball – Game Over

Die Kommerzialisierung macht die unteren Ligen wieder attraktiv
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 23. Juni 2017
 (Foto: CC0 Public Domain)
(Foto: CC0 Public Domain)

Bundesliga von Freitag bis Montag. Fußball-WM in Katar. Mit 48 (!) Mannschaften. Spielergehälter am Rande des Wahnsinns. Helene Fischer im DFB-Pokalfinale. Champions League nur noch im Bezahlfernsehen. Fußballfeste, auf denen Hanni & Nanni mit aufgemalten Vereinsfarben auf dem Bäckchen und den neuesten Gadgets ihres Vereins posen, vom Spiel oder den Spielern aber soviel Ahnung haben wie ich vom walisischen Fingerhakeln. Spielertransfers, die einen bloß noch ankotzen.
So wurde 1973 für den damals teuersten (und besten) Spieler, Johann Cruyff, vom FC Barcelona noch eine Ablösesumme von umgerechnet zwei Millionen Euro bezahlt. 40 Jahre später lässt sich Real Madrid den Spieler Gareth Bale 100 Millionen Euro kosten. Was so ein Mensch verdient? 410 000 Euro Wochengehalt. Also nach Steuern. Die nächsten sechs Jahre. Kompletter Irrsinn. Perfektionierte Kommerzialisierung, weltweite Vermarktung, Mannschaften, die Konzernen gehören. Und demnächst heißt es dann: Der FC AllianzAudiTelekomMünchen gewann in sieben Halbzeiten gegen EvonicPumaSignalIduna-Dortmund mit 21 zu 18 Werbeblöcken. Das Spiel können Sie komplett anschauen bei „GoogleSkyDazn“ für nur 149,44 Euro.
Eine kranke (Sport-) Welt. Mit Fußball, diesem an sich so einfachen und gerade deshalb auch so beliebten Spiel und seinen Fans, hat das alles nichts mehr zu tun. Emotionen, auch mal negative Ausbrüche, Wut und Enttäuschung, Fanbeteiligung? Möchte man nicht mehr so gerne. Irgendwie stören die. Natürlich, ein bisschen Folklore auf den Rängen, abgesprochene Gesänge, vorher überprüfte Transparente sehr gerne, ein leeres Stadion ist ja auch nicht schön. Aber bitte: die Klatschpappenfraktion. Die Hannis & Nannis. Der Chef von Arsch & Furunkel, der seine Geschäftsfreunde einlädt. Solche Fans bitte.
Fußball, das soll dann so werden: „Wenn Bayern gegen Dortmund spielt und bei beiden Teams ein Chinese spielt, 300 Millionen Chinesen das Spiel im Internet anschauen und dabei einen Euro zahlen, dann haben wir eine neue Situation. Das wären 300 Millionen Euro an einem Tag. Ich bin auf jeden Fall überzeugt, dass es bald mal einen Transfer über 150 oder 200 Mio. Euro Ablöse gibt“, erklärte z. B. Ulli Hoeneß.
So könnte es werden. Nur: ein Großteil der wirklichen Fans, die das Spiel lieben, die echten Gefühle, den schönen Diagonalpass, die Blutgrätsche kurz vorm eigenen Strafraum, die Fans, die Montag bis Sonntag über Spieler und Ergebnisse tratschen, virtuell Mannschaften aufstellen und Taktiken besprechen, die sich wie verrückt zwei Wochen auf das nächste Heimspiel ihres Clubs freuen … diese Fans werden mehr und mehr abrücken. In England besteht diese Bewegung schon länger. Dort gehen viele Menschen wieder zu Spielen aus der 5. oder 6. Liga. Dahin, wo noch Fußball gespielt wird und die besten Plätze nicht für die Logen der Firmeninhaber reserviert sind.
„Die Professionalisierung und Kommerzialisierung hat eine weitgehende Auflösung der traditionellen Beziehung Fan-Spieler bewirkt“, sagt z. B. Dietrich Schulze-Marmeling, ein Fußballautor. Und Jock Stein, eine schottische Trainerlegende, warnt: „Der Fußball ist ohne Fans überhaupt nichts. Die Fans sind das Lebenselixier des Spiels.“
Dass lässt sich so unterschreiben. Ohne Fans könnt ihr den Laden dicht machen. Ob das gehört wird? „Ich habe so das Gefühl, dass Entscheidern in der Branche so ein bisschen das Gespür dafür verloren gegangen ist, dass es irgendwann mal genug ist.“ Sagt Marcel Reif.
Der erste Satz von Marcel Reif, den ich so unterschreiben würde.


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Leserbrief zu »Fußball – Game Over«, UZ vom 23. Juni 2017





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