Wir haben ihn unterschätzt

Hans-Peter Brenner zum Tode Helmut Kohls
|    Ausgabe vom 23. Juni 2017

Hans-Peter Brenner ist stellvertretender Vorsitzender der DKP

Hans-Peter Brenner ist stellvertretender Vorsitzender der DKP

Nun ist der „schwarze Riese aus Oggersheim“ wirklich im Pantheon der größten Politiker aller Zeiten angekommen. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung verlieh dem verstorbenen Ex-Kanzler den höchsten altrömischen Ehrentitel „pater patriae“ (Vater des Vaterlandes). Damit rangiert Helmut Kohl nun auf einer Stufe mit den illustren Figuren des Römischen Reiches. Dieser Titel stellt ihn gleich mit dem berühmtesten Redner und zugleich herausragenden Politiker Roms, Marcus Tullius Cicero, der Generationen über Generationen von Lateinschülern mit seinen Schachtelsätzen in den Wahnsinn getrieben hat und noch treibt.
Wie haben wir ihn – nicht nur im „Marxistischen Studentenverband Spartakus“ – als „Birne“ verspottet und entsprechend zeichnerisch karikiert. Wir waren stolz, als unsere „rote blätter“-Redaktion seine sehr dünne und den Kriterien einer wissenschaftlichen Arbeit kaum standhaltenden Dissertation ausgrub. Damit hatten wir neue Argumente gefunden, ihn als „geistigen Dünnbrettbohrer“ und Provinzpolitiker lächerlich zu machen. Wir haben uns damals getäuscht.
Politiker müssen keine intellektuelle Brillanz versprühen. Ihr sprachlicher Duktus muss nicht „ciceronisch“ sein und sie müssen auch nicht schlank und drahtig wie der junge Brad Pitt wirken. Was Kohl zum Erfolg als Sachverwalter der Interessen der Kapitalistenklasse benötigte, das besaß er in allerhöchstem Maße: Er hatte feste Verbindungen in führende Kreise des Großkapitals – speziell der Chemieindustrie rund um den BASF-Konzern. Ihnen war er verbunden, ihnen blieb er treu durch dick und dünn.
So bewahrte er seinen frühen Gönner, den Besitzer des „Pegulan“-Konzerns und Ehrenkonsul Dr. Fritz Ries, mit staatlichem Geld über Jahre hinweg vor dem Bankrott. Dass er zuletzt über seine „Treue“ zu anonymen Großspendern, die seine schwarzen Kassen jahrzehntelang aufgefüllt hatten, um sein Amt gebracht wurde – ausgerechtet von seinem „kleinen Mädchen“ Angela Merkel, die heute in Tiefschwarz über seine „Größe“ schwadroniert – das war nicht Altersstarrsinn.
Kohl wollte und konnte diejenigen Großkapitalisten, in deren politischen Diensten und Abhängigkeiten er groß geworden war und deren „politischer Geschäftsführer“ er sein ganzes Leben war, gar nicht bei der Steuer „anschwärzen“. Es war auch egal, ob ein Dr. Ries eine tiefbraune Vergangenheit und seit seinem Parteieintritt 1933 eine Nazi-Karriere als Wirtschaftsführer hinter sich hatte. Sie hatte ihn nicht zuletzt durch die „Zwangsarisieung“ von diversen jüdischen Unternehmen der Chemie- und Gummiindustrie (u. a. durch „jetzt arische Präservative“) zu Reichtum und Einfluss gebracht.
Kohl war skrupellos im Umgang mit der innerparteilichen Konkurrenz und beherrschte die Instrumente des Partei- und Staatsapparats. Er schuf sich durch ein Netz von Abhängigkeiten eine Gefolgschaft, die ihn sehr lange an der Macht hielt. Und er besaß eine alles entscheidende „Tugend.“ Er hatte einen langen strategischen Atem gegenüber seinem politischen Hauptfeind, dem realen Sozialismus und den Kommunisten. Wir, die Kommunisten, seine schärfsten politischen und ideologischen Gegner, haben alle diese Qualitäten verkannt – nicht nur in Bezug auf seine Person.
Wir haben in der Person Kohl die Gnadenlosigkeit und Härte des Großkapitals im Kampf gegen uns sträflich unterschätzt. Daraus gilt es zu lernen.


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