Puerto Ricos Viertelmehrheit

Günter Pohl über den Qualitätsjournalismus
|    Ausgabe vom 23. Juni 2017

Wenn die Karibikinsel Puerto Rico es einmal in deutsche Qualitätsmedien schafft, dann muss man schon froh sein, wenn unter den drei Sätzen dazu irgendetwas von „assoziiert“ gesagt wird. Dann ist gar nicht einmal auszuschließen, dass bei der Hörer- oder Leserschaft hängen bleiben könnte, dass Puerto Rico nicht unabhängig, sondern per Sonderstatus an die USA angebunden ist.
Nach dem teilweisen Zahlungsausfall vor knapp zwei Jahren war dem Land, dessen Volk zu etwa sechzig Prozent außerhalb der Insel – zumeist in den USA – lebt, wegen seiner finanziellen Engpässe da und dort Aufmerksamkeit zuteil geworden. Da das mit 70 Mrd. US-Doller verschuldete und über keinerlei Währungsautonomie verfügende Puerto Rico für die US-Regierung zu einem Problem wurde, kam Bundesfinanzminister Schäuble seinerzeit nämlich mit der humorigen Idee in die Medien, die USA von einem Tausch der Protektorate überzeugen zu wollen, als Kritik der Obama-Regierung an der deutschen Erpressung Griechenlands aufkam – vermutlich ohne ein Andienen ausgerechnet seiner Schuldenarchitektur als makaber zu empfinden. Sein Verweserbezirk Griechenland hat nämlich genauso wenig Befugnis in Währungsfragen und ebenso wie Puerto Rico eigentlich eher Anspruch auf diverse Entschädigungen als auf Schuldscheine.
Nun kam der 11. Juni 2017, und nach 1952, 1967, 1993 und 2012 wurde den Puertorriqueños mal wieder ein bisschen Demokratie eingeflößt. Sie durften über den Status gegenüber den USA abstimmen, sie wollten aber nicht. 77 Prozent der Abstimmungsberechtigten folgten dem Boykottaufruf der Unabhängigkeitsbewegung (oder wollten sich nicht für Uncle Sam engagieren) und blieben den Urnen fern – fast alle anderen stimmten für einen Anschluss Puerto Ricos an die USA; also weniger als ein Viertel.
Nicht eben die Mehrheit, aber diese Glücklichen schafften es dann auch in die deutschen Wohnzimmer, wo man lernen konnte, dass „Puerto Rico erstmals und mit einer überwältigenden Mehrheit (97 Prozent) für den Anschluss als 51. Bundesstaat der USA gestimmt“ hat. Der Qualitätsjournalismus interessiert sich eben nicht für die anderen 77 Prozent, schon gar nicht für Boykottaufrufe. Und noch weniger dafür, dass schon wenige Tage später das Entkolonialisierungskomitee der Vereinten Nationen zum wiederholten Mal über den Status der Insel reden würde – völlig ungerührt von der „Entscheidung“ der 23 Prozent. Denn die ist nicht einmal bindend.


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Leserbrief zu »Puerto Ricos Viertelmehrheit«, UZ vom 23. Juni 2017





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