Welcher Korpsgeist?

Herbert Becker zu den Traditionen der Armee
|    Ausgabe vom 23. Juni 2017

Ursula von der Leyen, in Merkels Kabinett tätige „Verteidigungsministerin“ verkündete, dass die Bundeswehr nicht in der Tradition der Wehrmacht oder auch der Reichswehr stünde, diese unselige Linie müsse gekappt werden. Michael Wolffsohn, Professor an der Hochschule der Bundeswehr München und ein Vordenker für das Ministerium, sieht es so: „Das Problem liegt … in der Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht. Diese Entscheidung ist verantwortlich dafür, dass der Bundeswehr jetzt die ganz „normalen“ Bürger fehlen. Jede Organisation hat einen Korpsgeist, das gilt erst Recht für Streitkräfte, und dieser Korpsgeist ist auch wichtig. Ohne ihn ließen sich die zunehmenden Belastungen, denen die Soldaten durch internationale Einsätze ausgesetzt sind, kaum ertragen.“
Die von Frau von der Leyen gewünschte und geforderte Armee soll eine Einsatzarmee im möglichst großen Weltmaßstab sein, dafür braucht man toughe, wenn es sein muss, auch brutal agierende Spezialkräfte. Wohlfühlen dürfen die sich – nach ihren Kämpfen – gerne in freundlich ausgestatteten Kasernen, auch in der Sicherheit, Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen. Bierselige Kameradschaftsabende mit „alten Kämpen“ und Devotionalien aus Väter- und Großväterzeiten mag die Ministerin nicht, also weg damit. Manche Kasernen tragen immer noch die Namen von Offizieren, die sich Kriegsverbrechen schuldig gemacht haben. Paul von Hindenburg ernannte Adolf Hitler zum Kanzler, General von Mudra forderte nach der Niederlage von 1918 einen neuen Krieg im Westen zur „endgültigen Abrechnung mit dem Erbfeinde“. Die Namen der beiden zieren weiterhin Kasernen.
Frau von der Leyen fragt ihre Generäle und Admiräle: „Warum greifen junge Soldatinnen und Soldaten auf die zwölf dunkelsten Jahre unserer Geschichte zurück, wenn es doch 61 Jahre Bundeswehr gibt? Gibt es ein Vakuum?“ Nein, kann man nur sagen, denn die Bundeswehr wurde gegründet als „Bollwerk gegen den Kommunismus“. Neu hinzu kommt der „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“ und ganz selbstverständlich die Sicherung der Interessen des deutschen Kapitals. Ja, kann man nur sagen, weil die einzige Armee auf deutschem Boden, die sich an keiner kriegerischen Aktion beteiligt hat, die NVA der DDR, eine diskutable Tradition sein könnte.


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