Opfer an der Heimatfront

Manfred Idler zur Reaktion auf die Anschläge in Britannien
|    Ausgabe vom 9. Juni 2017

„Genug ist genug“. Dümmer und pietätloser kann man nicht auf den Anschlag auf der London Bridge und dem Borough Market reagieren als Britanniens regierender Notstopfen Theresa May. Vor Zeiten schickte der Bauer den Sohn, der zu überhaupt nichts taugte, zum Studium, dann hatte der später sein Auskommen als Pfaffe. Im entwickelten Kapitalismus landen vielversprechende junge Menschen von jeher eher in der Wirtschaft als in der Politik.
Die Premierministerin sagte, ob bewusst oder unbewusst, nichts anderes als dass die 22 Toten von Manchester und die Terrorattacke von Westminster mit fünf Toten noch im Rahmen des Erträglichen gewesen seien und erst dieser dritte Anschlag jetzt das Fass zum Überlaufen gebracht habe. Von ähnlicher Qualität sind jetzt ihre Vorschläge, dem Terror zu begegnen: Britannien müsse den islamistischen Extremismus aus den Köpfen verbannen und besiegen. Das Internet soll besser kontrolliert werden. Es gebe „zu viel Toleranz gegen Extremismus“ und die Strafen für extremistische Gewalttaten müssten verschärft werden. Diesen getretenen Quark als Vier-Punkte-Programm zu verkaufen, dazu gehört ergreifende Schlichtheit des Denkens.
Dabei hatte ihr Herausforderer im Wahlkampf, Jeremy Corbyn, ihr schon nach dem Blutbad von Manchester einen Hinweis gegeben, in welche Richtung sie denken sollte – er hatte den Zusammenhang hergestellt zwischen dem Terror auf der Insel und den Kriegen, in die das Vereinigte Königreich sich verwickelt hat. Historisches Denken ist nicht die Sache bürgerlicher Politiker, die sich von Krise zu Krise wurschteln. Aber es muss doch erinnert werden an eine Zeit, als in Afghanistan noch Mädchen in die Schule gehen konnten und der „freie Westen“ gegen diese kommunistische Errungenschaft „Freiheitskämpfer“ bewaffnet hat. Man muss daran erinnern, wie der blutige Pudel Tony Blair mit seinem Herrchen George Bush bei Fuß ging, als der säkulare Staat Irak zerschlagen wurde – die Parallele zur Zerstörung Libyens liegt auf der Hand. Man muss erinnern an die Aufrüstung Saudi-Arabiens und der Emirate, die mit Unmengen Petrodollars die Drachenbrut aufgefüttert haben, heiße sie El Kaida oder Islamischer Staat. Und an die geheimdienstliche Förderung religiös Wahnsinniger in der Russischen Föderation und in China, um diese Länder zu destabilisieren. All das wendet sich jetzt gegen die Brandstifter.
Richtige Schlussfolgerungen aus dem Scheitern des „Kriegs gegen den Terror“ zu ziehen, dazu sind die Herrschenden in der „Wertegemeinschaft“ nicht in der Lage. Diese würden vielleicht auch die Geschäfte stören. Auch nach diesem Londoner Attentat fällt den Herrschenden nur ein, was ihnen immer einfällt: Staatsterror nach außen, Militarisierung und Repression nach innen.


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