Squadra fascista

Der italienische Fußball versinkt im Rassismus
Von Hannes Schinder
|    Ausgabe vom 2. Juni 2017
Nicht vor rassistischen Angriffen geschützt: Mario Balotelli (rechts) ist einer der wichtigsten Spieler der italienischen Nationalmannschaft. Links Ashley Cole (England). (Foto: [url=https://de.wikipedia.org/wiki/Mario_Balotelli#/media/File:Ashley_Cole_and_Mario_Balotelli_England-Italy_Euro_2012.JPG]Football.ua[/url])
Nicht vor rassistischen Angriffen geschützt: Mario Balotelli (rechts) ist einer der wichtigsten Spieler der italienischen Nationalmannschaft. Links Ashley Cole (England). (Foto: Football.ua / Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Der Fußball gilt als Spiegelbild der Gesellschaft. Nimmt man diese Annahme als Grundlage, zeichnet sich kein gutes Bild der italienischen Gesellschaft. Denn erneut gab es rassistische Vorfälle in der Serie A. Zunächst wurde Sulley Muntari von Fans rassistisch beleidigt. Woraufhin er sich beim Schiedsrichter beschwerte und dafür die gelbe Karte erhielt. Als er aus Protest darauf das Spielfeld verließ, erhielt er vom Schiedsrichter den Platzverweis.
Keine Woche später wurde Medhi Benatia während eines Fernsehinterviews als ‚Scheiß Marokkaner‘ beleidigt.
Diese zwei Vorfälle sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs, seit Jahren hat der italienische Fußball mit Rassismus zu kämpfen, doch der Verband und die Funktionäre nehmen sich des Problems kaum an. So wurde im Jahr 2005 der Spieler Paolo Di Canio für das Zeigen des Hitlergrußes lediglich zu einer Strafe von 10 000 Euro verurteilt. Dagegen protestierten die Fans von Canios Verein Lazio Rom und sammelten Spenden, um die Strafe zu bezahlen. Gerade die sogenannten Fans von Lazio fallen immer wieder auf und haben den Ruf einer rechtsextremen Fanszene.
Im Jahr 2013 verließ Kevin-Prince Boateng nach rassistischen Äußerungen aus Protest das Spielfeld und seine gesamte Mannschaft schloss sich an, um ein Zeichen zu setzen. Doch wie die jüngsten Vorfälle zeigen, hat das nur wenig bewirkt. So kann sich der nun betroffene Muntari gut einen Spielerstreik in der Serie A vorstellen, um den Verband unter Druck zu setzen. Und wenn dann wie im Jahr 2015 der ehemalige Nationaltrainer Italiens Arrigo Sacchi die Anzahl der ausländischen Spieler aufs Schärfste kritisiert, dann zeigt das, wie sich das Rassismusproblem Italiens auch auf der Verbandsebene manifestiert hat. In einem Interview sagte er, „Italien hat keine Würde, keinen Stolz: Wir haben Mannschaften mit 15, 16 Ausländern. So viele farbige Spieler sind eine Beleidigung für den italienischen Fußball.“ In die gleiche Richtung äußerte sich auch der Verbandspräsident Carlo Tavecchi. Er redete abfällig über den Spieler Opti Poba, „der gerade noch Bananen aß und jetzt Stammspieler bei Lazio ist“. Dieser Satz fiel direkt nach seiner Wahl zum Präsidenten und die UEFA verurteilte ihn zu einer Geldstrafe.
Wenn solche Aussagen von einem Verbandspräsidenten und ehemaligen Nationaltrainer kommen, kann es kaum verwundern, dass Kinder von Migranten kaum eine Chance haben im italienischen Fußball. Lediglich Mario Balotelli und Stefano Okaka dürfen als Kinder von Einwanderern für die Squadra Azzurra auflaufen. Doch auch sie werden regelmäßig Opfer von Rassismus. Der Fußball bietet eine Chance zur Integration, doch wenn Menschen diese Chance verwehrt wird, findet keine Integration, sondern Segregation statt.
In Italien hat man aber auch selten Geduld mit jungen Spielern und setzt sie schon früh unter Druck, wodurch diese dann Fehler machen und schneller ausgemustert werden. Juventus Turin machte es seit 2006 anders, denn nach ihrem Zwangsabstieg bauten sie in Ruhe ein junges Team in der zweiten Liga um den Erfahrenen Andrea Pirlo auf und wurden dafür belohnt: Inzwischen stehen sie wieder weit oben in der Serie A.
Das ist jedoch nur ein positives Beispiel, die meisten Vereine hinken in der Jugendarbeit hinterher, so auch der AC Mailand. Und was in Italien wirklich fehlt ist eine vernünftige Infrastruktur mit Fußballplätzen für die Jugend. Dort preist der Verband zwar seit Jahren Verbesserungen an, doch es passiert recht wenig. Daher kann es nicht verwundern, dass es scheinbar kaum italienischen Nachwuchs in den Topligen gibt, während deutsche Toptalente in ganz Europa gefragt sind.
Durch die fehlende Infrastruktur und auch den fehlenden Willen, ausländische Jugendspieler zu integrieren, weitet sich das Problem des Rassismus auch auf die Gesellschaft aus.
Da sich der Rassismus durch alle Ebenen des Fußballs und der Gesellschaft zieht, ist es schwer, ihn in den Griff zu bekommen. Im Bezug auf den Fußball besteht in allen Bereichen Handlungsbedarf. Bei den Fans, den Verbänden, den Vereinen, bei Spielern und schließlich auch bei den Schiedsrichtern, die in der Pflicht stehen, während eines Spiels die Spieler zu schützen. Doch bisher passiert recht wenig im italienischen Fußball und so kann es nicht verwundern, dass die Serie A ihren Reiz in Europa verloren hat. Während diese Liga in den 1990er Jahren noch als die Topliga in Europa galt, haben England, Spanien und Deutschland den Italienern im europäischen Vergleich längst den Rang abgelaufen.


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Leserbrief zu »Squadra fascista«, UZ vom 2. Juni 2017





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