DKP
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Herbert Mies nach 1989:

Wir haben den Klassenstandpunkt bewahrt

|    Ausgabe vom 20. Januar 2017

Was meines Erachtens am meisten zählt und was das Bemerkenswerteste an der Entwicklung der DKP sein dürfte, ist die im wahrsten Sinne historische Tatsache, dass diese Partei, dieser angebliche „Vasall der KPdSU und SED“, die größte Niederlage des Sozialismus, der internationalen Kommunistischen und Arbeiterbewegung überlebt hat, dass sie an einem Klassenstandpunkt und an den wesentlichen Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus festhält, dass sie sich weder ins Fahrwasser von Rechts- oder Linksopportunismus begibt. Trotz tiefer und schmerzender Wunden und obwohl sie meines Erachtens aus der Talsohle noch nicht heraus ist: Diese Partei hat eigenartigerweise die KPdSU und SED, mit denen sie besonders eng verbunden war, überlebt.
Warum wohl? Doch wohl deshalb, weil das Gros ihrer Mitglieder aus Einsichten zur DKP kam, die in den kapitalistischen Verhältnissen und den Erfordernissen des Kampfes im eigenen Land wurzelten. Sicher sind auch weitere Gründe darin zu suchen, dass diese Partei einen Kern von Mitgliedern hat, der einen unerschütterlichen Klassenstandpunkt besitzt, der an marxistisch-leninistischen Positionen festhält, für den kommunistisches Engagement immer Kampf für Ideale ist. Dieser Kern hatte schon im Vorfeld des Zusammenbruches der sozialistischen Länder Europas, der KPdSU und SED, die Auseinandersetzung und Liquidationsabsichten der „Erneuerer“ entschieden. Die DKP war immer hautnah mit der antisozialistischen Strategie des deutschen Imperialismus, auch der des „Wandels durch Annäherung“, konfrontiert. Im buchstäblichen Sinne waren der DKP Klassenkampferfahrungen eingebleut worden.
Nicht zuletzt ist die DKP nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus in Europa deshalb noch da, weil sie augenscheinlich in unserem Land doch nicht so „fremdbestimmt“ war, wie manche annahmen und immer noch behaupten. Die DKP war eben doch in der Hauptsache eine hiesige Partei, wäre sie das nicht gewesen, sie hätte den Herbst 1989 nicht überstanden. Das ist eine wesentliche geschichtliche Tatsache.
Meiner damaligen und auch heutigen Lebensauffassung und -erfahrung nach gibt es die reine Unabhängigkeit nie und nirgendwo. In der Politik und Praxis einer kommunistischen Partei, der ich seit meinem 16. Lebensjahr angehöre, brauchen sich Unabhängigkeit und Abhängigkeit nicht auszuschließen. Sie widersprechen sich nicht, wenn Unabhängigkeit im Sinne nationaler Selbständigkeit und Abhängigkeit im Sinne von internationalistischer Einordnung und Solidarität für ein und dieselben Klasseninteressen und -ziele verstanden und praktiziert wird. Und genau davon, und natürlich auch noch von anderen klassenkampfbedingten und internationalistischen Bezugspunkten war mein Verhältnis zur KPdSU und SED und das der meisten anderen Kommunistinnen und Kommunisten bestimmt.
Die außenpolitischen Intentionen der Sowjet­union, der DDR und der DKP waren immer im wesentlichen interessengleich. Wie hätte dies auch anders sein können. Gemeinsam ging es doch darum, alles dafür zu tun, dass nie wieder vom deutschen Boden ein Krieg ausgehe und der Sozialismus in einem Teil Deutschlands gesichert werde. Dabei hat die Führung der DKP unter meiner Verantwortung aber auch so manchen unverständlichen außenpolitischen Schritt sowohl der Sowjet­union als auch der DDR kritiklos weggesteckt. Doch in unserer vorrangigen Rücksichtnahme auf die Interessen der sozialistischen Länder haben wir in einer Frage nie eine Konzession gemacht: Wir haben nie unseren Klassenstandpunkt und eine klassenmäßige Beurteilung des deutschen Imperialismus und seiner Strategie gegen den Sozialismus preisgegeben.

Aus: „Die DKP im Spannungsfeld von Unabhängigkeit und „Abhängigkeit“
in „25 Jahre DKP“, hrsg. Von H. Stehr und R. Priemer, Neue Impulse Verlag 1993


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Leserbrief zu »Wir haben den Klassenstandpunkt bewahrt«, UZ vom 20. Januar 2017





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