AfD rechts überholen

Guntram Hasselkamp zum Burka-Verbot der CDU
|    Ausgabe vom 16. Dezember 2016

Das christliche Abendland ist gerettet – dank Angela Merkel. „Die letzte Verteidigerin des freien Westens“ (New York Times) hat uns vor der muslimischen Expansion bewahrt. Man darf sich das in etwa vorstellen wie 732 bei Tours und Poitiers, als Karl, „der Hammer“, Martell den Vormarsch der „Sarazenen“ stoppte. Ohne Karl würden wir alle längst Turban und Schleier tragen. Und ohne Frau Merkel eben die Burka. Naja, die Frauen zumindest.
So in etwa hat es sich zumindest auf dem Essener Parteitag der CDU angehört: „Eine Situation wie die des Spätsommers 2015 (als der moderne Sarazene, Burka-gerüstet, massenhaft ins Land einfiel) kann, soll und darf sich nicht wiederholen. Das war und ist unser und mein erklärtes politisches Ziel.“ „Wir schaffen das.“ Und wenn wir Mario Draghi noch mal eine Handvoll Euro für Sultan Erdogan drucken lassen und noch ein paar Fregatten mehr ins Mittelmeer schicken. Hätte sie noch sagen können. Hätte der Saal vielleicht getobt.
„Wer betrügt, der fliegt“, hatte die CSU gefordert. Angela, „die Hämmerin“, Merkel hat daraus schlicht „wer kommt, der fliegt“ gemacht. Oder in der Regierungs-PR: „Wer keine Bleibeperspektive hat, muss das Land eben wieder verlassen.“ Flüchtlingsausweis, Integrationsgesetz, Abschiebung sofort, Transitzonen, Ausreisegewahrsam, „Haftgrund für Abschiebehaft“. Es wäre doch gelacht, wenn man die AfD nicht rechts überholen könnte.
Das Problem ist: so richtig gefährlich sehen die modernen Sarazenen nicht aus. Eher arm und hilfsbedürftig. Derartig brutal mit Menschen in Not umzuspringen ist nur etwas für Sadisten oder vielleicht für allerchristliche Funktionsträger. Die von derartigen Heimsuchungen verschont gebliebene Seele braucht ersatzweise da etwas Erbauliches. Die Rettung von Frauen beispielsweise.
Wie der ZDF-gestählte Mitteleuropäer weiß, hat die muslimische Frau nichts zu lachen. Schon wenig unter dem Kopftuch, noch weniger unter dem Hidschab, und erst recht nichts unter der Burka. Daher gilt es sie zu retten. Einfach, per Verbot. Erst recht, wenn sie das nicht will. Ein offensichtlich besonders perfider Fall von Unterdrückung.
Dass es hierzulande so gut wie keine Burka-Trägerinnen gibt, tut da nichts zur Sache. Es gibt ja auch so gut wie keine Ausländer in Sachsen, oder Bundeswehr-Brunnenbohrer in Afghanistan, oder Massenvernichtungswaffen im Irak. Das „postfaktische Zeitalter“. Statt politischer Lösungen gibt es Regierungs-PR. Übrigens, schon Karl Martell ging es mehr um die Befriedung seiner innerfränkischen Konkurrenz im Süden als um die „Rettung der Christenheit“.


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