Ein profitables Fest für Discounter

Manfred Dietenberger zur Lidl-Weihnachtskampagne
|    Ausgabe vom 9. Dezember 2016

Seit dem ersten Advent wirbt Lidl im Fernsehen, Kino, Radio und im Internet für die vom Konzern eigens erschaffene „Heilige Clara“ mit einer aufwendigen Kampagne in 19 europäischen Ländern. Lidl investierte einen zweistelligen Millionenbetrag für die neue Sympathieträgerin des Konzerns. Dies geschieht, so Lidl, als „Geschenk an diejenigen, die bisher den größten Teil des Festes organisieren und dafür ein offizielles Dankeschön verdienen – die Frauen“. Denn laut einer von Lidl in Auftrag gegebenen Studie sind „es Frauen, die zum Weihnachtsfest den Löwenanteil der Aufgaben bewältigen“.
Geschickt greift Lidl die gesellschaftliche Debatte um die Gleichberechtigung auf und bricht scheinheilig mit überalterten Klischees. Neuverpackt geht es tatsächlich um nichts weniger als um mehr Profit und um ein besseres Image für Lidl.
Die Botschaft, die Lidl mit dieser und anderen Kampagnen unter 19 Völker bringen will ist einfach: Lidl ist viel besser als sein Ruf. Lidl steht angeblich auf seiten der Weihnachtsplätzchen backenden Frauen. Auf Betriebsräte steht Lidl nicht so. Das Recht auf freie gewerkschaftliche Betätigung wird durch Einschüchterungen behindert und die Bildung von Betriebsräten offen oder verdeckt erschwert. Die Zahl der Filialen, in denen man Betriebsräte nicht verhindern konnte, ist verschwindend gering.
Der Umgang des Discounters mit seinen meist weiblichen Beschäftigten sorgt immer und immer wieder für schlechte Schlagzeilen. Im Jahr 2004 veröffentlichte ver.di das Lidl-Schwarzbuch, in dem die dort herrschenden schlechten Lohn- und Arbeitsbedingungen angeprangert wurden. 2008 deckte der „Stern“ auf, dass vom Konzern beauftragte Detektive die Lidl-Mitarbeiter mit Kameras bespitzeln ließen. Begründung:
2009 tauchten im Mülleimer Akten auf, in denen Lidl die Krankheitsgründe der Mitarbeiter sehr detailliert protokolliert hatte. Diese Liste der Lidl-Verfehlungen ist nicht vollständig. Lidl braucht und arbeitet am Imagewandel. Gegenüber Kunden wirbt Lidl für gentechnikfreie Milchprodukte, stockt das Angebot an frischem Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch auf und verzichtet künftig wie Rewe auf den Verkauf von Plastiktüten. Und Lidl wirbt mit dem Motto „Lidl lohnt sich“.
Selten aber für die Beschäftigten. Am ehesten mit seinem Mindestlohn. Der gesetzliche Mindestlohn liegt aktuell bei bekanntlich 8,50 Euro pro Stunde und steigt zum 1. Januar 2017 auf 8,84 Euro pro Stunde. Lidl erhöht den firmeninternen Mindestlohn ab dem 1. März 2017. Das Unternehmen zahlt dann pro Stunde mindestens zwölf Euro statt wie bisher 11,50 Euro, sagte Marin Dokozic, Deutschland-Chef von Lidl. Natürlich ist Lidl nicht der barmherzige Samariter. Mit einem Mindestlohn von 12 Euro kann man bei den Beschäftigten und Kunden punkten und die Konkurrenz auf Distanz halten, die auf Billiglöhne setzt.


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Leserbrief zu »Ein profitables Fest für Discounter«, UZ vom 9. Dezember 2016





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