„ver.di Publik“-Printausgabe gefährdet?

Zweifelhafte Online-Kampagne
Von Herbert Schedlbauer
|    Ausgabe vom 2. Dezember 2016

Was man will, das setzt man in Bewegung. Im Gegensatz zu einer Kampagne um Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich beschäftigt sich der Bundesvorstand der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und der Gewerkschaftsrat (GR) auch gerne mal mit Dingen, die er meint durchsetzen zu wollen. Es geht um eine verstärkte Werbung für die Umstellung der Mitgliederzeitung „Publik“ auf E-Paper. Zwar gab es schon immer die Möglichkeit, die ver.di-Zeitung auch online zu lesen. Jetzt aber wird proaktiv dafür geworben.
Seit Mitte des Jahres wird versucht, den Bezug von Print in Richtung Online zu beeinflussen. Bei dieser fragwürdigen Kampagne bietet man als Lockvogel ein Preisausschreiben an.
Aufgefallen ist alles, nachdem neben vielen anderen ausgerechnet die Beschäftigten der Druckerei apm in Darmstadt per Mail aus Berlin angeschrieben wurden. Deren Arbeitsplätze hängen massiv von der Herstellung der Printausgabe ab. Darin heißt es: „Umwelt schonen: Jetzt umsteigen und gewinnen! Alle ver.di-Mitglieder, die jetzt bis zum 30.8. auf das digitale Abo der ver.di publik umsteigen und damit – der Umwelt zuliebe – auf den Bezug der Druckausgabe verzichten, nehmen automatisch an einer Verlosung teil und haben die Chance, eine von 20 Taschenunikaten zu gewinnen. Viel Glück!“
In einem Brief des ver.di-Landesbezirks Hessen, der unserer Redaktion vorliegt, an den Bundesvorstand wird gegen ein solches Vorgehen protestiert. Darin kritisiert der Fachbereich Medien – Kunst – Industrie, dass langfristig durch eine anfänglich freiwillige Umstellung auf ein Digital-Abo die Weichen für eine komplette Aufgabe der Druckausgabe gestellt würden. Durch die selbst herbeigeführten Sachzwänge entstehe eine Situation, die dann als Begründung dafür herhalten muss, dass sich die Produktion einer Printausgabe nicht mehr rechnet. Die Kolleginnen und Kollegen aus Hessen weisen auch darauf hin, dass die branchenspezifischen Beilagen, die jetzt der Printausgabe beiliegen, dann nicht mehr handfest zur Verfügung stehen.
Mittlerweile regt sich Widerstand auch auf anderen Ebenen in ver.di. So wird an der Basis und in Bezirksvorständen der Gewerkschaft der Vorgang heftig kritisiert. „Wieder einmal ist dies alles an uns ehrenamtlichen Funktionsträgern vorbei geschehen, die Basis nicht informiert worden“, so eine Kollegin des ver.di-Bezirks Düsseldorf gegenüber der UZ.
Der Unmut bei den Mitgliedern ist nachvollziehbar. Dazu beitragen dürfte, dass das Schreiben aus Hessen auch nach zwei Monaten noch immer nicht von den Initiatoren der Kampagne beantwortet ist.
Die „ver.di Publik“ erscheint acht Mal im Jahr mit einer Auflage von 1,9 Millionen gedruckten Exemplaren. Sie ist das Verbindungsglied zu den Mitgliedern. Gerade in kleineren und mittleren Betrieben gilt sie auch als „Arbeits- und Werbematerial“ vieler Betriebs- und Personalräte, um neue Mitglieder zu werben.


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