Spektakel und Geschäfte

Bei der Buchmesse geht es weniger um ein Kulturereignis als um die Verwertung „geistigen Eigentums“
Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 28. Oktober 2016

Anfangen?

Einmal im Jahr steht die Buchwirtschaft im Fokus des öffentlichen Interesses. Nicht nur die Buchmesse selbst: Als Abschluss und medialer Höhepunkt gilt die Verleihung des „Friedenspreises des deutschen Buchhandels“ inklusive Life-Übertragung in der ARD.

Seit 1951 wird dieser Preis ausgelobt, bekannte und auch mittlerweile vergessene Namen zieren die Liste der Preisträgerinnen und Preisträger. Eine vom Branchenverband benannte Jury benennt den Träger, Verantwortliche im Bundeskanzleramt und im Auswärtigen Amt nicken ab, ein Verlag freut sich besonders (diesmal der S.Fischer Verlag) und dann läuft die Chose ritualisiert ab.

Carolin Emcke, eine deutsche Journalistin und Sachbuchautorin, war dieses Jahr die Glückliche, immerhin gibt es neben der Urkunde noch 25 000 Euro und, siehe oben, viel Aufmerksamkeit und den gewünschten besseren Abverkauf ihrer Titel. Die Dankesrede ist für wenige Tage Stoff, es sei denn, man leistet sich „Auschwitz als Moralkeule“, so Martin Walser, als er mal dran war, dann hält es etwas länger vor.

Frau Emcke überschreibt ihre Dankesrede mit „Anfangen“, aber ohne Fragezeichen. Sie meint allen Ernstes „Wir können immer wieder anfangen“. Und dazu gehöre nicht viel: „etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern“.

Der geneigte Hörer ihrer Rede und Leser des Textes sucht nun danach, wer denn dieses „Wir“ ist und warum es nötig sei, „anzufangen“? Die Verortung dieses „Wir“ wird schwierig, mal ist es die Gesellschaft, auch Zivilgesellschaft oder demokratische Gesellschaft genannt, aber eigentlich zieht sich durch die Rede der individualistische Blick auf den Einzelnen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden weder benannt, geschweige denn kritisiert, unbekannte und unbenannte „sie“ „beliefern den Diskurs mit Mustern aus Ressentiments und Vorurteilen, sie fertigen die rassistischen Product-Placements“, woher die kommen, wer sie geschickt hat, wer sie fördert, kein Wort.

Carolin Emcke schlägt ernsthaft vor – und dabei beschwört sie Geschichte als Geschichten, die wir weiterspinnen können –, dass wir alle zu Erzählerinnen und Erzählern werden, damit wir „sie uns zeigen können und uns erinnern, was und wer wir sein können“. So viel gespielte Naivität kommentiert sich nun als Sorglosigkeit oder als falsch verstandene Liberalität. In einer Zeit, in der die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft expansiv ihre Interessen durchsetzen wollen, sowohl auf Kosten der eigenen Bevölkerung, besonders aber im großmannssüchtigen Griff in alle Richtungen auf dem Globus, sind andere Reden notwendig, aber an einem solchen Platz wie der Paulskirche in Frankfurt weder gewünscht noch zu erwarten.

Unser aller Bundespastor saß in der ersten Reihe der Festgäste, im bürgerlichen Zwirn (das Bomberjäckchen konnte er im Schrank lassen), aber mit breitem und seligem Grinsen. So soll an diesem Ort geredet werden, denn mit der bürgerlichen Revolution von 1848 ist nicht nur der Anfang so verstandener Demokratie, sondern auch das Ende der Aufklärung wohlwollend erbracht.

H. B.

Alljährlich im Oktober findet die Frankfurter Buchmesse statt, die mit weitem Abstand größte ihrer Art weltweit. Über 7 200 Aussteller, also überwiegend Buchverlage und ihnen gleichzustellende Verwerter künstlerischer und wissenschaftlicher Produktion, präsentieren ihr Warenangebot.

Mehr als 4 500 Aussteller kommen aus allen Erdteilen und Regionen, die größeren mit einem Einzelstand, viele kleinere im Rahmen eines Gemeinschaftsstandes ihres Landes.

Organisiert und durchgeführt wird die Messe von einer eigens gegründeten Tochter des Börsenvereins, dem Wirtschaftsverband der Branche in Deutschland, diese Messe-GmbH ist darüber hinaus ein Vehikel der „Kulturarbeit“ des Auswärtigen Amtes und der Goethe-Institute, sie fördert und gestaltet die Teilnahme Deutschlands an fast 30 Buchmessen in aller Welt. Neben der normalen Tätigkeit der Wirtschaftsförderung beeinflusst sie, auch dank ihres Know-hows und ihrer finanziellen Möglichkeiten, die Ausrichtung und Ausgestaltung solcher Buchmessen.

Voller Stolz wird vermeldet, dass rund 10 000 Journalisten und – neuerdings – Blogger sich in Frankfurt akkreditieren lassen, die „Qualitätsmedien“, alle öffentlich-rechtlichen Anstalten und die Adabeis aus Politik und Kulturwirtschaft sind in Kompaniestärke unterwegs, um Feuilletonseiten und Sendeplätze mit vermeintlich Wichtigem, meist aber schnell wieder Vergessenem zu füllen.

Dieser ganze Auftrieb, der sich fast ausschließlich mit literarischen, künstlerischen und populären Sachthemen beschäftigt, die Protagonisten, also Autoren, von einem Interview zum nächsten schleppt, ist eine einzige große Nebelkerze. Es gilt festzuhalten: Mehr als die Hälfte der gesamten Produktion, die die Buchwirtschaft alljährlich auf den Markt bringt, ist wissenschaftlichen und Fachthemen gewidmet, ob noch in klassischer Buchform, in Journals, Summarys oder Supplements oder bereits nur noch in einer Online-Version. Und natürlich wird in diesem Bereich der überwiegende Teil des Umsatzes, aber auch der Renditen erwirtschaftet. In ihrem Teil der Messehallen herrscht vornehm gedämpfte Geschäftigkeit, hierhin verlieren sich selten die Berichterstatter, hier werden keine Interviews geführt, die Besucher sind fast ausschließlich Fachbesucher aus dem Buchhandel und den Bibliotheken.

Die Buchmesse ist eine Geschäftsmesse, es geht, und das ist wesentlich zu bedenken, um die Verwertung dessen, was den schönen Terminus „geistiges Eigentum“ trägt. Es geht um die möglichst umfassende Verwertung bereits vorliegender oder angekündigter Produktion, also um Verlagsrechte und -lizenzen. Goethe schimpfte zu seiner Zeit über die Verleger, „sie schlürften aus den Gehirnen ihrer Autoren, um ihren Gewinn zu machen“. Diese große, international ausgerichtete Plattform für diese Geschäfte ist sowohl Endpunkt vorab getroffener Vereinbarungen und dient dem Kontakt und der Anbahnung neuer Möglichkeiten. Da trifft sich der brasilianische Verleger von Titeln über indigene Völker mit seinem Kollegen aus Russland, um über eine Lizenz zu verhandeln, der japanische Verleger hat vielleicht einen interessanten Titel zur Geschichte des Landes, von dem hofft, dass ein skandinavischer Verleger das Recht zu einer Ausgabe in seinem Land erwirbt. Kooperationen werden verabredet, möglichst sofort mit mehreren Wissenschaftsverlagen, um eine neue, natürlich nur in englischer Sprache, erscheinende Zeitschrift auf den Markt zu werfen. Solche und viele andere Gespräche und Verhandlungen sind der Wesenskern dieser Messe, deshalb nehmen Verlage die teure und aufwändige Reise nebst satten Standgebühren und unverschämten Hotelpreisen auf sich. Trotz der Art und Weise, „B2B Geschäfte“ zu betreiben, scheint die altmodische Form, sich sich von Angesicht zu Angesicht und per Handschlag zu verständigen, immer noch tragfähig und notwendig zu sein.

Und natürlich erlaubt ein Rundgang durch die Messehallen dem Verleger, selten der Verlegerin, Werke zu entdecken, die ob der ungeheuren Fülle ihm entgangen sind oder von denen er zwar hörte, sie aber lieber jetzt mal in die Hand nehmen möchte. Ein Gang durch diesen Teil der Messe ist angenehm und spannend, man kann die Anstrengungen der vielen Verlage, besonders aus den postkolonialen Ländern wahrnehmen, eine eigenständige Buchwirtschaft aufzubauen, die kulturelle und soziale Wirklichkeit abzubilden und zu gestalten, die eigene Sprache zu fördern und nicht dem Rausch des globalisierenden, gleichmacherischen Englisch zu verfallen.

Natürlich gibt es auch das „Literary Agents Center“, ein eigens deklarierter Teil mit dem deutlichen Hinweis der gesonderten Zugangsberechtigung. Hier sitzen die Spieler im Markt der internationalen Bestseller oder solcher die es werden sollen, hier mag man über einen neuen Titel von Dan Brown verhandeln und möglichst viele Lizenzen in viele Sprachräume und Länder verkaufen. Hier geht es um Zweit- und Drittverwertungen, möglichst auch um Film- und Fernsehrechte, hier werden auch schon mal Rechte und Lizenzen im sechsstelligen Bereich vertragsreif gemacht. Vornehm hält sich die Branche zurück, wenn nach Zahlen gefragt wird, lieber gibt man Auskunft über die Menge der Neuerscheinungen, über das größte und dickste Buch der Messe und zu Besucherzählungen.

Für Buchhändler ist es ein erhellendes Erlebnis, die alljährlich zur Buchmesse erscheinende, sehr umfangreiche Sonderausgabe des Anzeigenblattes für Verlage aus dem letzten Jahr hervorzuholen:

Was da nicht alles mit großem Wortgetöse, mit unsäglichen Metaphern und schrägen Bildern angepriesen wurde und von dem ein Jahr später niemand mehr spricht und in den Regalen der Buchhandlungen längst aussortiert wurde.

Die Situation der kleinen und kleineren Verlage (Jahresumsätze bis höchstens 500 000 Euro) ist sehr angespannt, neben der alltäglichen Selbstausbeutung kommt der oft vergebliche Versuch, in der medialen Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, kommt der harte, bis an die Schmerzgrenze erlebte Kampf mit den dominierenden Filialketten, vorneweg mit Thalia und mit den Grossisten wie Libri und KNV. Hier werden Handelsrabatte verlangt, die fast jede Verlagskalkulation unmöglich machen, verweigert sich dem der kleine Verlag, wird er nicht gelistet und in vielen Buchhandlungen ist es leider üblich, Kundennachfragen zu solchen Titeln dann abschlägig zu bescheiden, da es die Order gibt, keine „nur Kosten verursachende“ Einzelbestellung auszuführen. Die Klagen sind beredt, Linderung schafft manchmal eine Kooperation, aber die Gemeinsamkeiten sind bei diesen Individualisten und Einzelkämpfern wohl oft schnell aufgebraucht.

Anfangen?

Einmal im Jahr steht die Buchwirtschaft im Fokus des öffentlichen Interesses. Nicht nur die Buchmesse selbst: Als Abschluss und medialer Höhepunkt gilt die Verleihung des „Friedenspreises des deutschen Buchhandels“ inklusive Life-Übertragung in der ARD.

Seit 1951 wird dieser Preis ausgelobt, bekannte und auch mittlerweile vergessene Namen zieren die Liste der Preisträgerinnen und Preisträger. Eine vom Branchenverband benannte Jury benennt den Träger, Verantwortliche im Bundeskanzleramt und im Auswärtigen Amt nicken ab, ein Verlag freut sich besonders (diesmal der S.Fischer Verlag) und dann läuft die Chose ritualisiert ab.

Carolin Emcke, eine deutsche Journalistin und Sachbuchautorin, war dieses Jahr die Glückliche, immerhin gibt es neben der Urkunde noch 25 000 Euro und, siehe oben, viel Aufmerksamkeit und den gewünschten besseren Abverkauf ihrer Titel. Die Dankesrede ist für wenige Tage Stoff, es sei denn, man leistet sich „Auschwitz als Moralkeule“, so Martin Walser, als er mal dran war, dann hält es etwas länger vor.

Frau Emcke überschreibt ihre Dankesrede mit „Anfangen“, aber ohne Fragezeichen. Sie meint allen Ernstes „Wir können immer wieder anfangen“. Und dazu gehöre nicht viel: „etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern“.

Der geneigte Hörer ihrer Rede und Leser des Textes sucht nun danach, wer denn dieses „Wir“ ist und warum es nötig sei, „anzufangen“? Die Verortung dieses „Wir“ wird schwierig, mal ist es die Gesellschaft, auch Zivilgesellschaft oder demokratische Gesellschaft genannt, aber eigentlich zieht sich durch die Rede der individualistische Blick auf den Einzelnen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden weder benannt, geschweige denn kritisiert, unbekannte und unbenannte „sie“ „beliefern den Diskurs mit Mustern aus Ressentiments und Vorurteilen, sie fertigen die rassistischen Product-Placements“, woher die kommen, wer sie geschickt hat, wer sie fördert, kein Wort.

Carolin Emcke schlägt ernsthaft vor – und dabei beschwört sie Geschichte als Geschichten, die wir weiterspinnen können –, dass wir alle zu Erzählerinnen und Erzählern werden, damit wir „sie uns zeigen können und uns erinnern, was und wer wir sein können“. So viel gespielte Naivität kommentiert sich nun als Sorglosigkeit oder als falsch verstandene Liberalität. In einer Zeit, in der die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft expansiv ihre Interessen durchsetzen wollen, sowohl auf Kosten der eigenen Bevölkerung, besonders aber im großmannssüchtigen Griff in alle Richtungen auf dem Globus, sind andere Reden notwendig, aber an einem solchen Platz wie der Paulskirche in Frankfurt weder gewünscht noch zu erwarten.

Unser aller Bundespastor saß in der ersten Reihe der Festgäste, im bürgerlichen Zwirn (das Bomberjäckchen konnte er im Schrank lassen), aber mit breitem und seligem Grinsen. So soll an diesem Ort geredet werden, denn mit der bürgerlichen Revolution von 1848 ist nicht nur der Anfang so verstandener Demokratie, sondern auch das Ende der Aufklärung wohlwollend erbracht.

H. B.


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Leserbrief zu »Spektakel und Geschäfte«, UZ vom 28. Oktober 2016





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