Werdet nicht Lokführer

Winfried Wolf über die „autonome“ Bahn
|    Ausgabe vom 21. Oktober 2016

Seit Monaten preist sich die Bahn als „Vorreiter beim autonomen Fahren“. Sie befeuert so eine fragwürdige Debatte und provoziert bahnintern in den aktuellen Tarifverhandlungen. So argumentierte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, in einem langen Interview mit der „FAZ“, man wolle jetzt „die Kunden mit moderner Technik begeistern“. Das „autonome Fahren“ sei auch „in einem komplexen Schienensystem … möglich“. Er rechne damit, dass „wir 2021, 2022 oder 2023 so weit sind, in […] Teilen des Netzes vollautomatisch fahren zu können.“.
Was Grube nicht sagt, ist, dass die Bahn seit Jahrzehnten große Teile des Schienenverkehrs automatisiert oder halbautomatisiert betreibt, weswegen die Sicherheit im Schienenverkehr wesentlich höher als die im Straßenverkehr ist. Die Konzentration auf die Frage, ob es im Führerstand von Lokomotiven oder Triebfahrzeugen in weiterer Zukunft Lokführer geben wird, ist in diesem Zusammenhang kontraproduktiv und lächerlich: Rein rechnerisch spielen die damit verbundenen Kosten eine äußerst geringe Rolle. Vor allem aber gibt es seit Jahren einen akuten Mangel an Lokführern, was oft zu erheblichen Beeinträchtigungen des Schienenverkehrs führt. Grubes Gerede vom „autonomen Fahren“ wirkt in diesem Zusammenhang wie der an junge Menschen gerichtete Warnruf, bloß nicht den Beruf Lokführer zu ergreifen.
Dabei soll nicht nur im Lokführerstand „autonom verkehrt“ werden. Auch die klassischen Aufgaben der Zugbegleiter soll es demnächst nicht mehr geben. So jedenfalls Ulrich Weber, Personalvorstand bei der Deutschen Bahn AG. Er führte in einem Interview in der „Süddeutschen Zeitung“ aus: Die Fahrscheinkontrolle sterbe aus, „weil man sich in einigen Jahren elektronisch im Zug einchecken wird. Man hält seine Karte in seinem Smartphone an ein Lesegerät am Einstieg, und das war’s.“
Man fragt sich, wo die Bahn­obersten diese fantastischen Ideen so entwickeln. Ulrich Weber stellt hierzu Wegweiser auf: „Wir arbeiten da in Versuchs-Labs: Die Leute sitzen in einem Berliner Bahnhofs-Untergeschoss oder im Frankfurter Rotlichtviertel und tüfteln herum. Wir sagen da: Macht Euch frei von allem und denkt mal.“ Man denkt da unwillkürlich, wie das wohl so aussieht, diese Bahnprofis ganz „freigemacht im Frankfurter Rotlichtviertel“ und „tüftelnd“.
Wobei es wohl oft um höchst Banales geht. Grube im bereits zitierten FAZ-Interview: „Das autonome Fahren ist aber nur ein Aspekt. Wir wollen die Unmenge von Daten, die wir gewinnen, besser nutzen. […] Um neue datenbasierte Geschäftsmodelle zu fördern […] Wir planen die Gründung einer sogenannten Digital Venture GmbH.“ Wenn ich in die Lounge der Deutschen Bahn AG gehe, muss ich neuerdings meine BahnCard in ein Lesegerät einziehen lassen. Die Behauptung des Lounge-Eingangspersonals, damit werde „nur die Zahl der Lounge-Besucher registriert“, ist natürlich absurd. Vielmehr ist sicher, dass hier bereits der neuen „Digital Venture GmbH“ zugearbeitet und diese „Unmenge von Daten“, von der Grube schwärmt, vermehrt wird.
Grube & Co. lassen heute bereits großzügig Tag für Tag Züge „autonom“ oder halbautonom „verkehren“. Meint: schlicht ohne Personal in Nahverkehrszügen. Oder auch mit deutlicher Unterbesetzung im Fernverkehr und in den Speisewagen.
Dies allerdings ist mit katastrophalen Folgen für den Komfort der Reisenden, für das Image des Bahnreisens, für die Bahnbeschäftigten und für das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste verbunden.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Werdet nicht Lokführer«, UZ vom 21. Oktober 2016





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.