Gegen Krieg

… aber wie?
|    Ausgabe vom 2. September 2016

Düsseldorf, bei „Rock gegen Rechts“

Düsseldorf, bei „Rock gegen Rechts“

( SDAJ)

Aus Ablehnung wird Widerstand
Die Kampagne der SDAJ: Erste Schritte gegen Kriege
Bei der Erstellung des neuen Weißbuchs der Bundeswehr hat das Verteidigungsministerium erstmals sogenannte „zivilgesellschaftliche Akteure“ in den Prozess mit einbezogen. Das liege daran, dass es in Deutschland keinen „gesellschaftlichen Grundkonsens über militärpolitische Fragen“ gibt, so die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Think-Tank der Bundesregierung. Auf deutsch: In der deutschen Bevölkerung gibt es zu wenig Zustimmung zur Bundeswehr und ihren Einsätzen. Das sei ein Problem. Und wo die Herrschenden ein Problem sehen, ist ein Ansatzpunkt für Widerstand.
Laut der größten Meinungsumfrage unter Jugendlichen, der Shell-Jugendstudie, haben Jugendliche ein widersprüchliches Bewusstsein gegenüber der Bundeswehr. Einerseits gibt es grundlegende Skepsis gegenüber Militäreinsätzen. Deutschland solle sich außenpolitisch eher zurückhalten. Andererseits ist das Vertrauen von Jugendlichen gegenüber Justiz, Polizei und Militär relativ hoch, viel höher als gegenüber „der Politik“. Und eine „garantiert neutrale“ Studie der Bundeswehr kommt zu dem Schluss, dass die meisten Kriegseinsätze überwiegend abgelehnt werden.

Die antimilitaristische Kampagne der SDAJ „Stop wars – gemeinsam gegen ihre Kriege“ setzt genau dort an und versucht die latent vorhandene Ablehnung aufzugreifen und in Widerstand zu wandeln.

Zumindest in der offiziellen Darstellung brechen Kriege irgendwie von alleine aus. Konfliktherde entzünden sich, bestimmte (meist erdölreiche) Weltregionen sind einfach immer instabil, selbst in Weltkriege kann man „hineinschlafwandeln“. Das drückt sich auch im Massenbewusstsein aus, selbst in dem der Kriegsgegner. Wer eigentlich verantwortlich ist für Krieg, wer ihn vorbereitet und wer von ihm profitiert bleibt meist im Dunkeln. So bleibt auch unklar, wie man etwas gegen diese Kriege tun kann. Deshalb ist die wichtigste Aktionsform der SDAJ-Kampagne das „Outing“. Mit einer öffentlichen Aktion wird ein bestimmter Kriegstreiber öffentlich angeprangert und das Interesse des jeweiligen Kriegstreibers öffentlich gemacht. Dabei steht insbesondere der Militärisch-Industrielle Komplex, also die Verschmelzung von Rüstungskapital mit staatlichen und militärischen Stellen, im Fokus. Dadurch soll klar werden: Krieg beginnt hier vor Ort, in meiner Stadt, und hier kann ich auch etwas dagegen tun.

Die Hürde etwas zu tun, ist in der Regel trotzdem relativ hoch, denn „ändern kann man ja doch nichts.“ Wenn es eine Ablehnung von Krieg gibt, dann muss man Wege finden, Möglichkeiten weisen, damit sie zu Widerstand werden kann. Der kleinste, einfachste Schritt dafür ist die eigene Unterschrift. Das ist die politische Aktionsform, an der sich Jugendliche am ehesten beteiligen. Deswegen sammelt die SDAJ Unterschriften für den Aufruf „Krieg? Nicht in unserem Namen!“. Dabei geht es natürlich nicht nur um die Unterschrift, auch wenn diese der erste Schritt sein kann, sondern auch um das persönliche Gespräch mit möglichst vielen Jugendlichen. Gleichzeitig versucht die SDAJ in möglichst vielen Städten offene Antikriegstreffen zu initiieren. Dort können und sollen alle Jugendlichen mitmachen, die gegen Krieg und Militarismus aktiv werden wollen – ohne sich dafür z. B. einer Organisation anschließen zu müssen. Gerade die überalterte deutsche Friedensbewegung braucht dringend Nachwuchs – ist aber gerade aufgrund ihres Alters in aller Regel nicht der Ort, wo sich Jugendliche besonders gerne einbringen. Die offenen Treffen sind ein Ort, wo Jugendliche für ihre unmittelbaren Interessen kämpfen können, gegen die Kriege von NATO, EU und Bundesregierung, aber damit verbunden auch für bessere Bildung, für zivile und gut bezahlte Ausbildungsplätze etc.
Gleichzeitig lernen sie in den Treffen aktive SDAJ‘lerInnen kennen, die nicht nur zuverlässig mitarbeiten, sondern die auch wissen, dass die Ursache von Kriegen, Krisen und kaputten Schulen eben der Kapitalismus ist.

Jan Meier, Bundesvorsitzender der SDAJ

„Ich bin gegen Krieg, weil …“ Ein Statement gegen Krieg – bei Festivals, Parties, Aktionen und in der Fußgängerzone gibt die SDAJ Jugendlichen die Gelegenheit für den Frieden Position zu beziehen: Eine Tafel, wer sein Gesicht nicht zeigen möchte, findet Masken oder Sonnenbrillen, die Fotos veröffentlicht der Verband unter gegenkrieg.jetzt. Eine Auswahl



Frankfurt, bei einer SDAJ-Aktion vor der Deutschen Bank

Frankfurt, bei einer SDAJ-Aktion vor der Deutschen Bank

( SDAJ)

Beim Festival „Bochum Total“

Beim Festival „Bochum Total“

( SDAJ)

Essen, im Stadtpark

Essen, im Stadtpark

( SDAJ)

Witten, beim Stadtfest

Witten, beim Stadtfest

( SDAJ)

Tübingen, in der Innenstadt

Tübingen, in der Innenstadt

( SDAJ)

Offenes Treffen
SDAJ organisiert Angebote, um aktiv zu werden
Was schlägt man einem Jugendlichen vor, der gegen den Krieg aktiv werden will? Der Altersdurchschnitt der Friedensinitiative ist zu hoch, in Schülervertretung und Gewerkschaft müssen antimilitaristische Orientierungen mühsam erarbeitet werden. In der SDAJ Mitglied zu werden, bedeutet mehr als bei einer Aktion gegen die Bundeswehr mitzumachen. Die SDAJ schlägt vor, zum Offenen Antikriegstreffen (OAT) zu kommen.

In Dortmund hat sie Flyer in Cafés und Bars ausgelegt und Ladenbesitzer gebeten, Plakate auszuhängen, die SDAJ-Mitglieder haben mit ihren Bekannten gesprochen, um zum OAT einzuladen. Gekommen sind 17 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, 14 davon Jugendliche, sechs Mitglieder der SDAJ. Sie stellen sich vor. Das Gespräch dreht sich um zwei Fragen: Was kann ich sagen, wenn ein Freund von mir zur Bundeswehr gehen will? Und: Wenn Kriege für wirtschaftliche Interessen geführt werden – für welche? Sie vereinbaren, mit einem eigenen Transparent zur „Friedenswoche“ zu gehen, an einer Schule gegen den Auftritt eines Jugendoffiziers zu protestieren und sich in Zukunft an jedem 3. Sonntag zu treffen.

In zwölf Städten haben solche OAT auf diese oder ähnliche Weise stattgefunden. Die SDAJ hat das Ziel, im Laufe ihrer Kampagne „Stop Wars – Gemeinsam gegen ihre Kriege“, die im Mai begonnen hat und bis Februar laufen soll, weitere OAT zu initiieren, in zehn Städten gibt es dafür Planungen und Termine für die kommenden Wochen. Während der Sommerferien ist es schwierig, Schülerinnen und Schüler zu erreichen. In einigen Städten sollen die Aktionen der Friedensbewegung zum Antikriegstag der Anlass sein, um zu dem Treffen einzuladen. Die SDAJ schätzt das als Erfolg und guten Anfang ein.

Dieser Anfang wirft Fragen auf. Wie lädt man am besten ein, wie sollte das Treffen vorbereitet sein, welche Aktionen können die SDAJ-Mitglieder vorschlagen, wenn die Runde der OAT-Teilnehmer keine anderen Ideen hat? Und: Wenn die SDAJ-Mitglieder im OAT aktiv sind, wie viel Sinn hat es und wie viel Zeit bleibt, um mit den Inhalten der SDAJ an Schulen und auf die Straße zu gehen?

Die SDAJ geht davon aus, dass die Arbeit in den OAT nur sinnvoll ist, wenn die SDAJ auch als Verband sichtbar und aktiv ist. Sie sind ein Angebot, damit Jugendliche selbst aktiv werden können, sie sind für die SDAJ-Mitglieder eine Gelegenheit, um über die Positionen des Verbandes ins Gespräch zu kommen und zusammenzuarbeiten. Das heißt: Die SDAJ lädt die OAT dazu ein, neben eigenen Aktionen auch Aktionen der „Stop Wars“-Kampagne gemeinsam durchzuführen. Gleichzeitig führen die SDAJ-Gruppen eigene Aktionen durch. Sie „outen“ Kriegstreiber – mit öffentlichen Aktionen machen sie darauf aufmerksam, welche Konzerne an Kriegen verdienen, wo in unseren Städten und an unseren Schulen Maßnahmen stattfinden, die der Kriegsvorbereitung dienen, wer die Kriegsplanungen vorantreibt. In Frankfurt trat die SDAJ vor der Zentrale der Deutschen Bank auf, in Tübingen wies die SDAJ darauf hin, dass unter der Stadt die Pipeline verläuft, die die NATO-Länder im Krieg mit Treibstoff versorgen soll. Die Nürnberger Gruppe hat den Konzern „Diehl Defence“ als Kriegsprofiteur geoutet, die Kieler SDAJ den Wehrbeauftragten des Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), als Kriegstreiber.

Die Kampagne soll deutlich machen, wem die Kriegspolitik der Bundesregierung nutzt und wem sie schadet – dass die Milliarden des Verteidigungshaushaltes der Umsatz der Rüstungskonzerne sind und in den Schulen fehlen. Für den Aufruf „Krieg? Nicht in unserem Namen!“ hat der Verband bisher 2000 Unterschriften in der Schule und in der Fußgängerzone gesammelt.

om



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Leserbrief zu »Gegen Krieg«, UZ vom 2. September 2016





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