Zwang zur Selbstständigkeit

Manfred Dietenberger zum „Jobmotor Migration“
|    Ausgabe vom 26. August 2016

Gerade gelang es der Bertelsmann-Stiftung eine Studie mit dem recht sperrigen Titel „Migrantenunternehmen in Deutschland zwischen 2005 und 2014 – Ausmaß, ökonomische Bedeutung und Einflussfaktoren auf Ebene der Bundesländer“ in die Medien zu lancieren. Und zwar unter dem Hoffnung machenden Schlagwort „Jobmotor Migration“. So klingen gute Nachrichten. Nicht erwähnt wird, dass es sich dabei oft um „Notgründungen“ handelt, die durch die schwierige Arbeitsmarktsituation für Migranten erzwungen werden. Dennoch, zwischen 2005 und 2014 wuchs dort die Zahl der Arbeitsplätze um mehr als ein Drittel, auf heute 1,3 Millionen. Die Bertelsmann Stiftung übergeht dabei stillschweigend, dass sehr viele von diesen 1,3 Millionen unter prekären Bedingungen arbeiten.
Die zunehmende „Selbstständigkeit“ von Deutschen und Migranten ist ein Zeichen dafür, dass es zu wenige sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gibt, aber auch dafür, dass Unternehmen immer häufiger Jobs auslagern. Oft ist die Entscheidung zur Selbstständigkeit nicht freiwillig.
Fachleute schlagen spezielle Programme zur Förderung kleiner und mittlerer, von Immigranten gegründeter Unternehmen vor. Allerdings besteht die Gefahr, dass diese Unternehmen als Lohndrücker missbraucht werden. Die weitere Absenkung sozialer Standards muss gestoppt werden. Doch das ist genau die Absicht von Neoliberalen in Politik und Wirtschaft, deren Sprachrohr die Bertelsmann-Stiftung teils verdeckt, teils offen ist. Von Bertelsmann stammen die Blaupausen zu Hartz I bis Hartz IV.
Zur Überraschung vieler operiert die Hälfte der Selbstständigen inzwischen im Dienstleistungsbereich außerhalb von Handel und Gastronomie. Der Anteil von Selbstständigen im Handel und Gastgewerbe verringerte sich laut Studie innerhalb von zehn Jahren um zehn Prozent, und liegt heute bei nur noch 28 Prozent. In der gleichen Zeit stieg ihr Anteil im produzierenden Gewerbe. Jeder fünfte Selbstständige mit Migrationshintergrund ist heute im Bau- oder verarbeitenden Gewerbe tätig. Als Unternehmer bekommen sie im Schnitt mit 2 167 Euro netto pro Monat 40 Prozent mehr als ihre Beschäftigten mit Migrationshintergrund. Im Vergleich zu Menschen ohne Zuwanderergeschichte schneiden beide Zuwanderer-Gruppen schlechter ab. Zuwanderer und ihre Kinder erzielen in Deutschland im Schnitt ein rund 30 Prozent niedrigeres Einkommen als Menschen ohne Zuwanderergeschichte.
Unternehmensgründung auch von Migranten schafft Arbeitsplätze aber keine Integration.


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Leserbrief zu »Zwang zur Selbstständigkeit«, UZ vom 26. August 2016





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