Besser als ein Krieg

Olaf Matthes zum Jahrestag des Mauerbaus
|    Ausgabe vom 12. August 2016

Olaf Matthes

Olaf Matthes

Hubertus Knabe und „Bild“ belehren uns, was zum Jahrestag des Mauerbaus nicht erlaubt ist. In ihrem Gedenken an die Menschen, die von DDR-Grenzern erschossen wurden, als sie die Grenze überqueren wollten, fehlt das Entscheidende: Die Gründe, aus denen die DDR die Grenze schloss, und die Bedingungen, unter denen dieses Land den Sozialismus aufbaute. Einen Hinweis gibt der damalige US-Präsident John F. Kennedy, der sich damit abgefunden hatte, dass die sozialistischen Länder zu stark geworden waren, um sie schnell und einfach zu besiegen. Er sagte, als die DDR im August 1961 ihre Grenze schloss: „Eine Mauer ist verdammt noch mal besser als ein Krieg.“

Nachdem Konrad Adenauer Deutschland geteilt hatte, Bundeskanzler geworden war und sein halbes Deutschland ganz zurück in die Hände der Monopole gelegt hatte, tauchte das, was diese durch den Sozialismus verloren hatten, als „verlorene Ostwerte“ in den Konzernbilanzen auf. Der andere deutsche Staat hatte sich entschieden, nicht auf das Geld der Konzerne und des Marshallplans zu vertrauen, sondern auf die eigene Kraft der Menschen, die dort lebten. Den Sozialismus aufzubauen hieß auch, zu lernen, Hilfsarbeiter zu Ingenieuren auszubilden und ein neues Bildungswesen zu schaffen.

Wer dazugelernt hatte und vom neuen Staat ausgebildet worden war, konnte im Westen ein höheres Gehalt erwarten. Die US-Agenten, Altnazis und das SPD-Ostbüro, die die verlorenen Ost- mit den freien Westwerten wiedervereinigen wollten, mussten feststellen, dass ihre Sabotage- und Aufstandspläne dazu nicht ausreichen würden. Sie bauten die Geheimorganisationen auf, die hunderttausende DDR-Bürgerinnen und Bürger dafür warben, ihrem Land den Rücken zu kehren.

Dabei ging es um das Überleben der DDR. Die DKP sagt: Die DDR hatte das Recht, ihre Grenze zu schließen. Die Reisefreiheit einzuschränken, war die einzige Möglichkeit, um die Freiheiten der sozialistischen Gesellschaft zu sichern: Arbeit, Bildung, eine Gesellschaft, in der die arbeitenden Menschen lernten, Verantwortung übernahmen und den Gang der Dinge bestimmten.

Weil sich in der Welt zwei feindliche Blöcke gegenüberstanden, ging es beim Überleben der DDR um Krieg und Frieden – eine Mauer zu bauen war besser als einen Krieg zu führen. Dass es die DDR gab, hinderte die bundesdeutschen Großmachtpolitiker daran, ihre Bomber in die Welt zu schicken.

Wie des Baus der Mauer zu gedenken ist, ohne Hubertus Knabe aufzuregen, zeigt das Bezirksamt Spandau. Um zu erklären, aus welchem Grund zu diesem Anlass Kränze niederzulegen sind, hat es den Brigadegeneral Michael Matz als Redner zur Gedenkstunde geladen. Unter seinem Kommando haben Bundeswehrsoldaten „die deutsche Sicherheit“ am Hindukusch verteidigt – er wird wissen: Auch für seine Gebirgsjäger hatte einst die Mauer die Reisefreiheit eingeschränkt.


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Leserbrief zu »Besser als ein Krieg«, UZ vom 12. August 2016





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