Kultur
Themen: Filme

Wer glaubt schon an Lenin?

Ein Dokumentarfilm über die FDJ-Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“
Von Hans-Günter Dicks
|    Ausgabe vom 12. August 2016

„Sag mir, wo du stehst und welchen Weg du gehst“, sang einst der Oktober-Club. Ganz ähnlich fragt ein Dokumentarfilm der Finnin Kirsi Marie Liimatainen: „Comrade, where are you today?“. Darin macht sie sich auf zu einer Reise, die sie nach Bolivien, Chile und Nicaragua, in den Libanon und nach Südafrika führt, deren Zentrum aber der kleine Ort Bogensee bei Berlin ist. Dort hatte die kommunistisch Erzogene 1988 ein Jahr an der FDJ-Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ studiert. Angetan von der internationalen Solidarität und der Vielfalt der Kulturen aus aller Welt, die sie dort kennen lernt, schreibt sie begeistert an ihre Familie. Doch schon mischen sich skeptische Töne hinein, weil sie zwischen Anspruch und sozialistischer Wirklichkeit der DDR Widersprüche sieht. Sie findet Freunde unter Genossen, die illegal leben und darum auch in Bogensee ihre wahre Identität verbergen müssen. Im Sommer 1989 endet ihr Studienjahr, wenig später hört ihr Gastland DDR auf zu existieren.

Jugendhochschule Wilhelm Pieck

Jugendhochschule Wilhelm Pieck

Mit nur ein paar Namen und heimlich geschossenen Fotos ausgerüstet, versucht Kirsi mehr als zwanzig Jahre später, ihre damaligen Kommilitonen ausfindig zu machen, um Erfahrungen dieser Umbruchjahre auszutauschen. Vorab aber erfahren wir von ihrem eigenen Werdegang und welchen Weg sie selber gegangen ist. Wo sie heute steht, darüber lässt der Untertitel ihres Films mutmaßen: „Der Traum der Revolution“ scheint für sie ausgeträumt. Die heute in Berlin lebende und an der Filmhochschule „Konrad Wolf“ in Babelsberg ausgebildete Filmemacherin kennt die Gesetze des Filmförderungsmarktes. „Eine persönliche Reise durch Zeit und Raum – von der Überzeugung der internationalen Solidarität bis zur Enttäuschung über eine ideallose Welt und der ewigen Suche nach Gerechtigkeit“ nennt sie ganz zeitgeist-konform selbst ihren Film – Förderer mögen das.

Überhaupt die großen Worte: Traum, Gerechtigkeit, ideallose Welt und – fast wie eine religiöse Litanei heruntergebetet – immer wieder der Glaube: „Der Glaube an eine bessere Welt, der Glaube an die Kraft der Gruppe, der Glaube, dass etwas passieren wird, bald, für uns alle“, so benennt sie schon zu Beginn ihre Hoffnungen auf den Kampf der Arbeiterklasse, der „mehr als alles andere meine Jugendzeit prägte.“ Am Ende bekennt sie: „Der Traum eines Kindes von Freiheit und Gleichheit, daran möchte ich heute noch glauben.“ Ihre erste Protagonistin ist Nidia, eine junge Bolivianerin aus Cochabamba – in Bogensee hieß sie Lucia und war ihre beste Freundin. In ihr findet Kirsi auch die erste Glaubensgenossin, denn Nidias Herz schlägt heute nicht mehr für die Arbeiterklasse, sondern für ihre indigenen Mitbürger, die sie als traditionelle Heilerin betreut. Wie eine absurde Inszenierung gerät ein Disput um eine Baumaßnahme, den Nidia mit ihrem Staatspräsidenten Evo Morales in dessen Amtszimmer austrägt – die Dialektik realer Politik gegen die Überzeugung einer Gläubigen.

Mit Nidia trifft Kirsi in Chile Marcelino alias „Esteban“, mit dem sie in Bogensee heftig über die Perestroika diskutierten. Anders als die Freundinnen hat er nach 1989 nicht die Partei verlassen – wir sehen ihn nachts beim verbotenen Plakatieren. Der „letzte Kommunist“, als den ihn Nidia sieht, ist er jedenfalls nicht. In Nicaragua treffen die beiden auf zwei Genossinnen, denen die Niederlage der Sandinisten den Schwung genommen hat – nun beschränken sie sich aufs Wählengehen. Es folgen Stationen im Libanon, wo sie die heftigen Richtungsdebatten in der Linken eher orientierungslos verfolgen, und dann in Südafrika, wo ihr Freund Themba inzwischen gestorben ist und seine Witwe über die neue ANC-Regierung schimpft.

Was also ist geblieben von dem, was sie am Bogensee gelernt haben? Resignation und Rückzug ins Privatleben auf ganzer Linie? Liimatainens eigene Desillusionierung gibt die Tonlage der folgenden Gespräche schon vor. Ihre Gesprächspartner sind ihre Freunde von einst; ob sie andere, weniger resignierte hätte finden können, bleibt offen. Dass sie ihre Reise mit der Freundin Nidia beginnt und fortsetzt, begrenzt ihre Suche weiter. Bei einem Streit über Stalin unter bolivianischen Genossen stehen sie verwirrt und wortlos daneben, als hätten sie den Namen nie gehört. Ihre Fragen sind zu schlicht, um tiefere Antworten hervorzulocken. So finden sie nur, was sie suchten: Gleichgesinnte.

Zum schlichten Ansatz passt der fragwürdige Umgang mit den formalen Mitteln. Die Namen der Gesprächspartner werden kaum eingeblendet, nie direkt zu dem, was sie sagen. Ton und Bild gehen nur selten zusammen, das Gesagte scheint wie beliebig bebildert, oft sogar mit Bildern, die den angeblich Sprechenden schweigend zeigen. Nahtlos geht ein Kommentar der Regisseurin über in eine Interviewaussage, Archivmaterial steht neben privaten Aufnahmen ungeklärter Herkunft. Was den Wiederbegegnungen mit den Genossen vorausging, wäre spannend zu wissen – wir erfahren darüber nichts. Unklare Ortswechsel und Familienverhältnisse schaffen zusätzliche Verwirrung. Fazit: Ein hoch spannendes politisches Thema wurde verschenkt, weil die Regisseurin seine wirkliche Dimension nicht erfasste und den Gedankenwelten ihrer Gesprächspartner nicht offen genug begegnete. Das von ihr zusammengetragene Material bietet dennoch einen guten Einblick in ein wenig bekanntes Kapitel internationalistischer Politik der DDR.


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Leserbrief zu »Wer glaubt schon an Lenin?«, UZ vom 12. August 2016





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