Die Reichen wollen ja schließlich auch schön wohnen

In Düsseldorf wandelt sich eine Lungenheilanstalt für arme Leute zum Luxusdomizil für die High Society
Von Uwe Koopmann
|    Ausgabe vom 29. Juli 2016

Ein Teil der Wohnungen des Zentralgebäudes wurde bereits „entmietet“.

Ein Teil der Wohnungen des Zentralgebäudes wurde bereits „entmietet“.

( Bettina Ohnesorge)

Bebauungspläne spiegeln die Kräfteverhältnisse in der Kommunalpolitik. Das gilt auch für die Wohnungsbaupolitik. Krasser als im Nobelviertel Grafenberg in Düsseldorf können die Klasseninteressen kaum aufeinanderstoßen. Dabei hatte alles so gut angefangen. Vor nun mehr als 100 Jahren.
Die Geschwister Otto David und Henriette Fellinger hatten 1876 an der Stadtwaldstraße ein Grundstück erworben. Dort ließen sie im Jahr 1900 die Heilstätte „Waldesruh“ bauen. 1904 wurde daraus die „Stiftung zum Wohle kranker und pflegebedürftiger Angehöriger der minderbemittelten Bevölkerungskreise“.
Auch die Nutzung änderte sich zwischenzeitlich. Aus der Heilstätte wurde während des 1. Weltkrieges ein Lazarett, danach richtete der „Verein für Säuglingsfürsorge und Wohlfahrtspflege im Regierungsbezirk Düsseldorf“ eine Kinderlungenheilstätte mit 115 Betten ein. Seit 1924 engagierte sich die Landesversicherungsanstalt (LVA) Rheinprovinz für lungenkranke und tuberkulosegefährdete Kinder zwischen sechs und 16 Jahren.
Eine solche „Sozialgeschichte“ steht im Widerspruch zu den Verwertungsinteressen der Grafental GmbH & Co. KG. Methode: Entmietung, Abriss, Neubau von 80 bis 190 (!) Luxuswohnungen auf 2,3 Hektar. Wenn der Hochhaus-Plan verwirklicht wird, gibt es vom Penthouse den Blick über die Stadt bis zum Rhein. Aber die Vorzüge liegen direkt vor der Haustür: Die weitgehend unverbauten Gerresheimer Höhen mit dem Wildpark Grafenberger Wald. Die Galopp-Rennbahn gilt als die „wohl schönste Rennbahn in Deutschland“. Der Golfclub – Monatsbeitrag bis 185 Euro – bietet eine „sportive Clubatmosphäre“, eine „Supergastronomie“ und eine Driving-Range mit Flutlichtanlage zum Üben langer Schläge. Dazu der Rochusclub für das internationale Tennisspiel. Und: Borussia Düsseldorf mit Bundesliga-Tischtennis der Weltelite.

Die DKP forderte, die Säule unter Denkmalschutz zu stellen. Die Inschrift lautet: „Zum Gedächtnis der Stifter von Waldesheim Geschwister Otto u. Henriette Fellinger. Schlicht im Leben, Reich beim Geben, Frei im Denken, Froh beim Schenken.“

Die DKP forderte, die Säule unter Denkmalschutz zu stellen. Die Inschrift lautet: „Zum Gedächtnis der Stifter von Waldesheim Geschwister Otto u. Henriette Fellinger. Schlicht im Leben, Reich beim Geben, Frei im Denken, Froh beim Schenken.“

( Bettina Ohnesorge)

Seine gehobenen Pläne möchte der Investor mit Zustimmung der lokalen Politik und Verwaltung durchgesetzt wissen. Dazu müssen wohnungspolitische Vorgaben ausgehebelt werden, denn das „Handlungskonzept Wohnen“ der Stadt Düsseldorf schreibt bei großen Objekten 40 Prozent für sozialen und preisgedämpften Wohnungsbau vor. Diese „Beschränkung“ will der Investor umgehen, indem er an anderer Stelle entsprechende Wohnungen anbieten will. Straße und Hausnummer werden allerdings nicht genannt.
Die Verwertung des Grundstücks erscheint außerordentlich lukrativ, denn die Wohnlage gehört zu den besten in Düsseldorf. Es gibt Vergleichszahlen: Die umgebaute ehemalige katholische Volksschule von 1844, in der später städtische Ämter untergebracht waren, wird als „Wohngefühl mit Wohnkomfort“ in der Altstadt angeboten. 182,75 Qua­dratmeter für 1 630 000 Euro. Nach Angaben der WZ kostet der Carport allerdings extra 19 000 Euro. Im benachbarten Andreas-Quartier steigt der Quadratmeterpreis bis zu 16 000 Euro.
Aus der DKP Gerresheim kam sofort Protest. Gewarnt wurde davor, dass die Stadtverwaltung und der Planungsausschuss „Geschmeidigkeit“ gegenüber den Wünschen des Investors zu erkennen geben könnte.
Die Segregation (Ausgrenzung, Verlagerung) von Arm und Reich ist kein Einzelfall in Düsseldorf. Aber selbst da, wo die Armen nicht mehr vertrieben werden können, weil sie schon die unterste Stufe des Wohnniveaus erreicht haben, kann es noch schlimmer kommen: So verlangte ein Vermieter im Arbeiterstadtteil Hassels-Nord nach „Sanierung“ eine Mietsteigerung von 60 Prozent.


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Leserbrief zu Artikel »Die Reichen wollen ja schließlich auch schön wohnen«, UZ vom 29. Juli 2016





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