Kampf um die Arbeitszeit

Manfred Dietenberger zu zwei Milliarden Überstunden
|    Ausgabe vom 22. Juli 2016

Letzte Woche erwischte mich die Nachricht, dass die Beschäftigten in Deutschland im vergangenen Jahr  fast zwei Milliarden (1,813 Milliarden) Überstunden und davon rund eine Milliarde (997,1 Millionen) unbezahlte Überstunden klopfen mussten.
Als Gewerkschafter habe ich mein Leben lang gegen Überstunden und für Arbeitszeitverkürzung gekämpft. Deshalb fiel mir auch gleich einer der wenigen behaltenswerten Sprüche des früheren DGB-Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter ein: „Überstunden sind die Summe der Zeit, die früher oder später vom Leben abgezogen wird.“
Heute ist es gesicherte Erkenntnis der Arbeitsmedizin: Überstunden erhöhen das Risiko für Magenkrankheiten, Beschwerden wie Rückenschmerzen, Schlafstörungen nehmen ebenso zu wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Überstunden begünstigen den Konsum gesundheitsschädlicher Genussmittel wie Alkohol und Zigaretten und führen oft zu Gewichtszunahme durch mangelnde Bewegung und falsche Ernährung. Zudem verhindern Überstunden soziale Teilhabe, und das Unfallrisiko im Straßenverkehr steigt.
Dennoch schuften fast zwei Drittel der Berufstätigen regelmäßig „länger als die Polizei erlaubt“. In vielen Branchen sind Überstunden nicht die Ausnahme, sondern die Regel. „Ausbeutung à la carte“ mit Hilfe von Umsonst-Überstunden gibt es besonders häufig und krass im Gastro-Gewerbe. Dort sind unbezahlte Überstunden fast die Regel und nicht die Ausnahme. Aus einer Acht-Stunden-Schicht wird dort schnell eine Schicht von zehn oder zwölf Stunden hinter dem Herd, an der Theke oder im Biergarten. Besonders an Wochenenden oder Feiertagen.
Vor fast genau 150 Jahren (September 1866) wurde auf Vorschlag von Karl Marx auf dem Genfer Kongress der Ersten Internationalen auch der gesetzliche Acht-Stunden-Tag gefordert, „um die Gesundheit und die körperliche Energie der Arbeiterklasse wiederherzustellen … und die Möglichkeit geistiger Entwicklung, gesellschaftlichen Verkehrs und sozialer und politischer Tätigkeit zu sichern.“
In dieser Traditionslinie standen 1983 die Gewerkschaften, als sie den Kampf um die 35-Stunden-Woche begannen. Der Kampf gegen Überstunden und um Arbeitszeitverkürzung ist in erster Linie ein Kampf um die zeitliche Begrenzung der Ausbeutung. Zur Forderung nach der heute notwendigen 30-Stunden-Woche gehören aber auch die lachende Sonne und der Slogan: „Es gibt ein Leben vor der Rente“.


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Leserbrief zu »Kampf um die Arbeitszeit«, UZ vom 22. Juli 2016





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