Kein Neuanfang bei VW

Festnachlese: Volkswagen – Familienkrach nach Dieselgate?
|    Ausgabe vom 8. Juli 2016

Stammen alle aus dem produktiven Teil der VW-Familie: Uwe Fritsch, Achim Bigus, Stephan Krull, Gerhard Schrader (von vorne nach hinten)

Stammen alle aus dem produktiven Teil der VW-Familie: Uwe Fritsch, Achim Bigus, Stephan Krull, Gerhard Schrader (von vorne nach hinten)

( Lars Mörking)

Stephan Krull: „In Dresden ist eine Fabrik zugemacht worden, 400 Beschäftigte sind nach Zwickau gegangen und 700 Leiharbeiter hatten gestern in Zwickau ihren letzten Tag. Das ist Realität und das stößt ganz vielen ganz bitter auf.
Ich habe den Eindruck, dass um die VW-Werke herum ein kleiner Schutzzaun gebaut wird und in der Peripherie – also das, was nicht zur VW AG unmittelbar gehört – da wird dann mit etwas anderen Herrschaftsmethoden gearbeitet. […]
Zum Thema Neustart bei VW will ich folgendes sagen: Entweder man macht weiter wie bisher oder es gibt tatsächlich einen Neuanfang. Die Idee des Vorstandes ist so weiterzumachen wie bisher: 40 000 Autos täglich in über 100 Fabriken.
Weiter machen wie bisher bedeutet: Subventionen zu kassieren, nicht nur in Deutschland; die Verschärfung der kapitalistischen Konkurrenz mit allen Konsequenzen, dazu gehört auch das Risiko, dass Volkswagen nicht als Gewinner aus diesem Konkurrenzkampf hervorgeht; und weiter zu machen wie bisher heißt auch, Steigerung der Produktivität, Personal einsparen usw.“

Uwe Fritsch: „Es geht nicht um einen Neustart bei Volkswagen. Neustart würde für mich bedeuten: Gesellschaftliche Veränderungen. Es geht um eine neue Etappe in der Auseinandersetzung. Einen Neustart halte ich nicht für möglich, trotz der 96 Prozent IG-Metall-Mitglieder im Betrieb, trotz der 85 Prozent IG-Metall-Mitglieder im Angestelltenbereich. […]
Wir sind am Beginn eines Transformationsprozesses bei Volkswagen, der Schritt für Schritt umgesetzt wird. Das eigentliche Dilemma ist, wir sind gewählt als Betriebsräte von den Beschäftigten in den Standorten. Die IG Metall soll die Konkurrenz der Belegschaften untereinander verhindern. Und diese gesellschaftliche Klammer – die Organisation IG Metall – findet nur rudimentär statt, manchmal gar nicht.
Aber das hat doch nicht nur subjektive Ursachen – was die Führung der IG Metall betrifft – sondern auch objektive. Wo liegt die Gestaltungsmacht? Wenn die Gestaltungsmacht im Betrieb bei der Gewerkschaftsorganisation, bei den Vertrauensleuten oder den Vertrauenskörperleitungen liegen würde, dann wäre ich nicht Betriebsratsvorsitzender geworden, sondern hätte mich zum VK-Leiter wählen lassen.
Die Umsetzung der Interessen der Kolleginnen und Kollegen findet bei Volkswagen im Wesentlichen durch die Fachausschüsse statt. […] Das sind aber alles Betriebsratsgremien. Über einen schleichenden Prozess hat sich doch meine Organisation, die IG Metall, entwickelt von einer Gewerkschaftsorganisation, die die Vertrauensleute in den Mittelpunkt der Arbeit gestellt hat, zu einer Organisation, die sehr stark die Betriebsratsarbeit – die nach gesetzlichen Grundlagen erfolgende gestalterische Arbeit – in den Mittelpunkt stellt.
Und das ist der Widerspruch, den wir gerade in der Organisation erleben und den wir beherrschen müssen – als Mitglieder der IG Metall und als Genossinnen und Genossen. Und da hilft es nichts, die IG-Metall-Führung in den Wind zu schießen, die nächste Führung wird die selbe Politik machen müssen.
Weil, die Grundlage der Arbeit ist doch, dass wir bei Volkswagen zwar sehr starke, funktionierende Vertrauensleutestrukturen haben, aber in wie vielen Betrieben gibt es IG-Metall-Vertrauensleute? In kleinen und mittleren Betrieben gibt kaum funktionierende Organisationseinheiten. Also stützt sich unsere IG Metall sehr stark auf die funktionierende, gesetzlich geschützte Organisation, und das ist der Betriebsrat.“


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Leserbrief zu »Kein Neuanfang bei VW«, UZ vom 8. Juli 2016





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