Der Milliarden-Kick

Ein Kommentar von Klaus Wagener über die Geschäfte der Sportzuhälter
|    Ausgabe vom 17. Juni 2016

Vor einiger Zeit entdeckte die deutsche Qualitätspresse, dass Joseph Blatter, ja der ganze Weltfußballverband (FIFA) ein korrupter Laden sei. Bekanntlich kassiert die FIFA, ein privater Verein, Milliarden-Euro-Beträge für Leistungen, welche Dritte zu erbringen haben. So etwas könnte man nicht nur Korruption, sondern auch Zuhälterei nennen, selbst dann, wenn, was mehr als unwahrscheinlich ist, alles formal mit rechten Dingen zugehen würde. Korruption und Zuhälterei sind integrale Bestandteile des FIFA-Systems, wie des Profi-Sports ganz allgemein, ganz gleichgültig, ob der oberste Geldeintreiber nun Blatter oder wie der aktuelle Präsident des Verbandes Infantino heißt. Der Brüller ist der Umstand, dass diesem ehrenwerten Verein die Gemeinnützigkeit zuerkannt worden ist.
War Blatter ganz plötzlich der Erzschurke, so werden Spiegel, FAZ &.Co. wesentlich schmallippiger, wenn es um die Beute des ebenfalls nicht gerade uneigennützigen hiesigen Fußballbusiness geht. Dabei hat „Die Liga-Fußballverband e. V.“ (ebenfalls ein eingetragener Verein) und ihre Tochter DFL, also der Zusammenschluss der profitorientierten, deutschen Profifußballvereine, nun ebenfalls die Milliarden-Euro-Grenze bei den Übertragungsrechten geknackt, sozusagen FIFA-, bzw. UEFA-Niveau erreicht.
Im Lauf von vier Jahren, ab der Saison 2017/18, kassiert die DFL aus der Vergabe von Medienrechten 4,64 Mrd. Euro. Eine Steigerung gegenüber den laufenden Verträgen von 85 Prozent. Die durchschnittlichen Jahreseinnahmen steigen damit auf 1,16 Mrd. Euro. Das ist noch nicht alles. Noch sind nicht alle Rechtepakete verkauft, und dazu kommen ebenfalls noch die Erlöse aus der Auslandsvermarktung. Hauptpartner bei den milliardenschweren Geschäften mit der Fußball-Begeisterung ist Rupert Murdochs „21st Century Fox“, genauer dessen Tochter, Sky Deutschland. Sky Deutschland machte mit seiner weitgehenden Monopolposition 2015 einen Umsatz von 1,8 Mrd. Euro. Aber auch die öffentlich-rechtlichen Sender halten es für ihre Aufgabe, sich an der Kommerzialisierung des Sports mit dreistelligen Millionenbeträgen zu beteiligen.
Wie die FIFA vermarktet auch „Die Liga“ eine Leistung, die sie nicht erbringt, zu Lasten Dritter, die sich nicht wehren können. Jeder, ob er mit dem zweiten Auge in der ersten Reihe sitzen will, oder nicht, darf sich über seine Zwangsgebühr an der Finanzierung dieses Milliarden-Deals beteiligen, oder eben über die Umlage der Werbungskosten auf die von ihr oder ihm gekauften Produkte.
Das einnehmende Wesen „der Liga“ ist umso bemerkenswerter, da es sie ohne die in diesem Fall freigiebige öffentliche Hand kaum geben dürfte. Immerhin liegt die jährliche Subventionierung des profitorientierten Bundesligafußballs (Stadien, Plätze, Straßen, Infrastruktur, Sicherheit etc.) nach Expertenschätzung über alles gerechnet bei etwa 500 Mio. Euro. Würde man das gesamte sportfördernde gesellschaftliche Umfeld erfassen, ohne das es ja nicht geht, wäre es vermutlich noch weit mehr. Dazu tragen die klammen Städte- und Gemeindekassen den Löwenanteil bei, Richtung 80 Prozent. Wenn es die öffentliche Subventionierung nicht gäbe, wäre der Profifußball allenfalls eine sehr überschaubare Veranstaltung. Natürlich ließe sich argumentieren, dass Sport ein öffentliches Gut, ein Teil der staatlichen und staatlich finanzierten Daseins- und Gesundheitsvorsorge sei, und dass es ein öffentliches Interesse und auch ein Recht an der medialen Übermittlung seiner wichtigen Ereignisse gäbe. Aber das ist bekanntlich altes Denken. Auch und gerade im Profisport gilt der schöne neoliberale Grundsatz Privat vor Staat. Soviel wie möglich privat kassieren und soviel wie dazu nötig staatlich subventionieren.
Die UEFA kassiert mehr als eine Milliarde Euro für die Übertragungsrechte an der laufenden Europameisterschaft. 180 Millionen dürfen allein ARD und ZDF hinblättern. An „Sponsoren“-Geldern kommen noch einmal 450 Mio. Euro hinzu. Die UEFA rechnet mit Gesamteinnahmen von 2 Mrd. Euro. Die Sportzuhälter werden reich, die Zuschauer weniger und auch das Gastgeberland, Frankreich, wird seinen roten Zahlen weitere hinzufügen dürfen. Allein für die Modernisierung der Stadien wurden 1,7 Mrd. Euro ausgegeben.
Im römischen Kaiserreich ließ es sich der patrizische Adel einiges kosten, die Plebejer mit Brot und Spielen bei Laune zu halten, um weiter ungestört die Ausplünderung Europas, des Nahen Ostens und Nordafrikas betreiben zu können. An der Ausplünderung hat sich nichts geändert, nur für die gute Laune soll der Plebs doch bitteschön selbst aufkommen. Nein, besser, Obsessionen sind ausbeutbar, nicht nur finanziell. Wie praktisch in Kriegs- und Krisenzeiten.


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Leserbrief zu »Der Milliarden-Kick«, UZ vom 17. Juni 2016





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