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Zocker-Thriller

Jodie Fosters „Money Monster“ verspricht Spannung, nicht unbedingt Erkenntnis
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 3. Juni 2016
 (Foto: youtube)
(Foto: youtube)

Wenn man ja nicht wüsste, wie so etwas ausgeht; hier kommt ein Setting, das man sich für mindestens 90 Prozent der gängigen LanzWillPlas-Shows dringend wünschen würde. Einer der regelmäßig verarschten Underdogs stürmt das Studio, kidnappt den Moderator, hängt ihm mit vorgehaltener Waffe eine Sprengstoffweste um und konfrontiert ihn mit dem Stuss, den er in der letzten Zeit so abgesondert hat. Keine Ausflüchte, keine Sprechblasen, harte Fakten, sonst geht die Ladung hoch.

So in etwa in Alicia Christian (Jodie) Fosters neuem Thriller „Money Monster“. Den medial aufgeblasenen Dampfschwätzer Lee Gates gibt ein wie immer augenzwinkernd-brillanter George Clooney, die nüchterne, konzentriert-souveräne Regisseurin Patty Fenn hinter den Kulissen wird von einer bemerkenswert unaufgedonnert-sympathischen Julia Roberts bewerkstelligt. Innerhalb des ganzen Kidnapping-Tohuwabohus entwickelt sich eine Art Kammerspiel dieser beiden über Mikro und Ohrhörer verbundenen, ja verketteten Hauptcharaktere. Sie sind die eigentlichen Akteure, die die Geschichte gestalten. Und es ist die Regisseurin, deren Fähigkeit, fokussiert und entscheidungssicher die Nerven zu behalten, letztlich auch diese „Binnen-Beziehung“ dominiert. Sie lässt Gates mehr und mehr als das erscheinen, was er wirklich ist, ein ziemlich hilfloser Sprücheklopfer, der nur dank ihrer „Fernsteuerung“ mit der sich nun entwickelnden Extremsituation einigermaßen fertig zu werden in der Lage ist. Was allerdings ihre fast ein wenig mütterlich-sorgende Zuneigung zu diesem Enfant terrible nicht in Frage stellt. Die Überzeugungskraft, die der Film trotz einiger recht kons­truiert wirkender Wendungen erhalten kann, hat er weitgehend dem hervorragenden Gespann Roberts/Clooney zu verdanken.

Der gutgläubige Kyle Budwell (Jack O’Connell), eine US-Version von Otto Normalverbraucher, hatte die Sprechblasen des „Money-Monster“-Gurus Gates ebenso für bare Münze genommen wie tausende T-Aktionäre die Märchen von Manfred Krug. Wie viele von ihnen hatte auch Budwell sein ganzes Vermögen, 60 000 Dollar, in ein von Gates empfohlenes Investment gesteckt. Und alles verloren. 60 000, das scheint Gates nicht gerade exorbitant viel und er hofft, mit einem beherzten Griff zum Scheckbuch aus seiner miesen Lage und vor allem aus seiner Sprengstoffweste heraus zu kommen. Aber nicht mit Kyle Budwell. Er sei nicht der einzige, der verloren hat. Es gehe um einen Verlust von 800 Millionen. Budwell will wissen, was genau da gelaufen ist.

Seit Budwell das Studio geentert hat, tickt die Uhr. Das New York Police Department rückt mit dem ganz großen Besteck an, um das Problem im bewährten Null-Toleranz-Modus zu erledigen. Nur ein toter Kidnapper ist ein guter Kidnapper. Die Frage ist eigentlich nur noch, wer alles sterben muss. Und Lee Gates steht ganz oben auf der Liste. Die Polizei-Sniper verfolgen den etwas exzentrischen Plan, Gates den Auslöse-Mechanismus vom Körper zu schießen. Als Fenn/Gates davon Wind bekommen ist klar, aus dieser Scheiße kommt man nur gemeinsam heraus oder gar nicht.

Sukzessive werden zuerst Fenn, dann auch Gates in die Aufklärungswut Budwells hineingezogen. Wenn sie überleben wollen, brauchen sie plausible Antworten. Nur, plausible Antworten sind rar. Auch wenn manchmal etwas gewollt wirkend, demontiert Foster hier ziemlich gründlich die Allwissenheits-Aura der oberflächlich papageienhaften Dax- und Dow-Jones-Kaffeesatzleser. Niemand weiß etwas Konkretes. Alle kauen ergeben die vordergründige Erklärung „Computer-Glitch“ (Panne, Störung) wider. Der Algorithmus. Den versteht natürlich niemand und daher fragt auch niemand nach.

Als nun doch klar wird, dass es so nicht gewesen sein kann, beginnt eine fieberhafte Suche nach der möglichen Ursache und dem möglichen Verursacher. Gleichzeitig sind die Scharfschützen der Polizei dabei, die Spielräume systematisch zu verengen. Die Suche nach dem Schuldigen wird zu einem Spiel um Leben und Tod.

Fosters rasanter Film hat Stärken und Schwächen. Unzweifelhaft ist da ein spannender Plot und eine weitgehend gelungene Inszenierung, die den Zuschauer in das Geschehen mit seinen immer wieder überraschenden Wendungen hineinzieht. Und seine Sympathien liegen bei dem Betrogenen, bei Kyle Budwell (und der starken Patty Fenn). Aber gleichzeitig liegt in dieser Thriller-Konstruktion fast unvermeidlich eine Personalisierung des Problems. Um einen solchen Ansatz plausibel spannend zu halten, muss es fast notwendig einen Bösewicht geben. Und es gibt ihn auch. Die Jagd auf ihn ist das treibende Moment des Films. Hier liegt seine erzählerische Stärke sowie seine inhaltliche Schwäche, denn in der Realität ist nicht die Ausnahme, der individuelle Betrug, das Problem, sondern es ist die Regel. Der Crash und die große Enteignung passieren, auch wenn sich alle hübsch an die bürgerlichen Regeln halten. Ja, gerade dann. Der Crash ist integraler Bestandteil der kapitalistischen Ordnung, erst recht in ihrem aktuellen, finanzmarktgetriebenen Boom-Bust-Modus. Und die große Enteignung ist sein Ziel. Um immer mehr Milliardäre produzieren zu können, müssen Menschen wie Kyle Budwell enteignet werden. Genau darum geht es.

Analyse ist nun nicht gerade die Stärke dieses Films. Foster bleibt doch sehr dem Action-Modus verpflichtet. Damit fällt sie analytisch deutlich hinter Filme wie „Margin Call“ oder „The Big Short“, ja selbst noch hinter Oliver Stones „Wall Street 2“ zurück. Die Yale-Absolventin möchte es mit Gesellschaftskritik ganz offensichtlich nicht übertreiben. Ein Schurke vielleicht, aber das System selbst? So ist es letztlich die alte, sehr amerikanische, aber eigentlich sehr christliche Geschichte vom Bösewicht, der zur Strecke gebracht werden muss, damit das Gute wieder siegen kann. Nun, zumindest das Happy End ist ein sehr partielles. Sonst wäre es wohl auch zu peinlich geworden.


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Leserbrief zu »Zocker-Thriller«, UZ vom 3. Juni 2016





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