Die Katze ist aus dem Sack

Strategiepapier bedroht weitere Arbeitsplätze bei Karstadt
Von Herbert Schedlbauer
|    Ausgabe vom 29. April 2016
 (Foto: Sebastian Rieger/flickr.com/CC BY-SA 2.0)
(Foto: Sebastian Rieger/flickr.com/CC BY-SA 2.0)

René Benko, der Immobilienmilliardär aus Österreich, will den Handelsriesen Karstadt weiter filetieren. Was seit seiner Übernahme im August 2014 von Betriebsräten und der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) befürchtet wurde, bestätigt nunmehr laut Fernsehmagazin Monitor vom 14. April 2016 ein „Geheimpapier“.
In dem Strategiepapier will Benko bis zu einem Drittel der Verkaufsflächen untervermieten oder ganze Häuser verkaufen. Bei einem Großteil der Filialen werden demnächst Drogerieketten, Billigtextiler und Lebensmitteldiscounter zu finden sein. ver.di befürchtet deshalb einen weiteren Stellenabbau im ehemals größten Warenhauskonzern Europas. Bestätigt wird dies von mehreren Betriebsräten. Nach Meinung der Beschäftigtenvertreter holt sich Karstadt damit eine Konkurrenz ins Haus, der man nicht mehr gewachsen sei. Discounter wie Aldi oder Lidl haben neben einem ständigen Lebensmittelangebot, zweimal wöchentlich Aktionen im Non-Food-Bereich. Diese Ware hat auch Karstadt im Sortiment. „Dies kann nicht gutgehen“ sagt ein Kölner Betriebsrat gegenüber der UZ. Geplant sei, dass Primark und TK Maxx einziehe. Karstadt verkauft aber selbst Textilien. Umsatzminus ist somit programmiert.
Diese Gefahr sieht ver.di ebenfalls. Eva Völpel, Pressesprecherin ver.di Bundesvorstand „Die Aussagen des Karstadt-Managements sind für uns nicht nachvollziehbar. ver.di und die Betriebsräte haben dem Arbeitgeber immer wieder konkrete Vorschläge gemacht. Seit vielen Verhandlungen erwarten wir klare Aussagen zur Zukunft des Unternehmens und bekommen darauf keine Antwort. Bei Karstadt möchte man der Öffentlichkeit anscheinend ein Bild verkaufen, das nicht den Tatsachen entspricht. Wir haben den Arbeitgeber aufgefordert, seine Pläne dazu im Detail vorzulegen“ so Völpel zur UZ.
Nachdem Benko bei der Übernahme des Konkurrenten Kaufhof gescheitert war, wird seine Immobilienspekulation mit Warenhausgrundstücken enger. Verkauft wird, was maximale Grundstückspreise bringt. Getroffen hat es im Mai 2015 Karstadt Stuttgart. Neuer Eigentümer ist ein Hamburger Investor. Stuttgart hatte beste Umsätze und warf schon unter Arcandor und Nicolas Berggruen Höchstprofite ab. Im Bau befindet sich jetzt ein Einkaufscenter. Als Projektentwickler fungiert die Firma SIGNA. Finden wird man dort einen dm-Drogeriemarkt, Vodafone und die Textilkette Primark. Nur nicht mehr Karstadt.
20 der 80 Immobilien kassierte Benko zusammen mit Beny Steinmetz (BSG Real Estate) kurz nach der Übernahme von Karstadt. Von der daraus resultierenden Dividende in Höhe von 208 Millionen Euro Dividende sind nur 50 Millionen bei Benko ausgewiesen. 158 Millionen sind laut Monitor nicht auffindbar.
Das neue Strategiepapier zeigt, das die Zerschlagung des Karstadt-Konzerns mit seinen noch 13 500 Beschäftigten nicht vom Tisch ist. Aufhalten kann sie nur breiter Widerstand.
Unter dem großen Dach von ver.di wäre einiges möglich. Aktionen in und vor den Filialen fürchtet auch Benko. Neben dem Effekt, sich erfolgreich gegenüber einer Unternehmerwillkür durchzusetzen, die die Existenz von Menschen und ihren Familien bedroht, könnte ver.di so auch die Solidarität mit den Kunden verstärken.
Denkbar ist auch, den Kampf für den Erhalt von Arbeitsplätzen mit anderen Gewerkschaften gemeinsam zu führen. Dazu die aktuellen Tarifaus­einandersetzungen zu nutzen. Zahlreiche Beschlüsse, nicht nur die der eigenen Gewerkschaftstage, sollten endlich dazu veranlassen, die Vernichtung von Arbeitsplätzen als gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung zu führen.


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Leserbrief zu Artikel »Die Katze ist aus dem Sack«, UZ vom 29. April 2016





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