Wonnen für das Kabarett

Kolumne von Werner Sarbok
|    Ausgabe vom 15. April 2016

Vor gut drei Jahren ist unser Dietrich Kittner gestorben. Dietrich war ein herausragender politischer Kabarettist Satiriker, und Liedermacher, bissig und treffsicher. Er hatte daher im- öffentlich-rechtlichen westdeutschen Fernsehen „seit 1973 quasi ‚Fernsehverbot’ (Süddeutsche Zeitung)“, ist bei „wikipedia“ vermerkt.
In einem seiner letzen Programme erklärte Dietrich, dass er angesichts der Erklärungen der bundesdeutschen Politiker selbst keine Texte mehr schreibe, er wolle nur noch zitieren.
Was könntest du, lieber Dietrich, aus den heutigen Meldungen in Sachen Renten machen? Ich bin sicher, du würdest quasi in Champagner baden angesichts dieser Zitate aus Berlin.
Den ersten Preis erhält Horst Seehofer. Laut „Bayernkurier“ sieht der CSU-Vorsitzende große Teile der Bevölkerung von Altersarmut bedroht. „Die Anfang des vergangenen Jahrzehnts beschlossene Kürzung des Rentenniveaus wird nach Seehofers Einschätzung dazu führen, ‚dass etwa die Hälfte der Bevölkerung in der Sozialhilfe landen würde.’
Werden die Renten gekürzt, erhalten die Rentner weniger. Für diese Erkenntnis hat Horst Seehofer 15 Jahre gebraucht.
Wo sozialpolitische Dummheiten verkündet werden, ist Arbeitsministerin Andrea Nahles erfahrungsgemäß auch nicht weit. Sie hat „massive Reformen“ angekündigt. „Die gesetzliche Rente sei ein zentrales Versprechen des Sozialstaats, das für jeden gelten müsse“, wird sie zitiert und „Aus den Veränderungen der ökonomischen und demografischen Bedingungen ergäben sich neue Antworten“.
Da stuft uns diese ehemals sozialdemokratische Partei zu einem Land mit massenhaftem Niedriglohnsektor ab mit ihrer Agenda 2010, mit Waffenhilfe von ihren olivgrünen Koalitionären, geduldet von den Schwarzen – und deren Arbeitsministerin macht dann heute veränderte Bedingungen aus.
Sind das nicht Texte, lieber Die­trich? Da stellt Andrea Nahles jetzt völlig überrascht fest, dass niedrigere Löhne auch zu niedrigeren Renten führen! Ist das denn noch irgendwie zu toppen?
Aber jetzt wird es ernst. Sowohl Seehofer als auch Nahles haben die Renten als Thema für die Bundestagswahlen entdeckt und kündigen „Reformen“ an.
Und dann zucken wir zusammen und greifen reflexhaft zum Portemonnaie, gewitzt von den Erfahrungen, dass ihre Reformen unser Geld kosten. Schade, lieber Dietrich, dass du nicht mehr bei uns bist – das wäre doch ein tolles Programm für dich auf unserem Pressefest geworden – die reinste Wonne, für dich und für uns!


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Leserbrief zu »Wonnen für das Kabarett«, UZ vom 15. April 2016





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