Interview

Mehr Aktionismus als sinnvolle Veränderung

Gerhard Ziegler im Gespräch mit Alexandra Willer
|    Ausgabe vom 11. März 2016

UZ: Was plant die Bundesregierung?

Alexandra Willer, Krankenschwester, Vorsitzende Personalrat Universitätsklinikum Essen

Alexandra Willer, Krankenschwester, Vorsitzende Personalrat Universitätsklinikum Essen

Alexandra Willer: Im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung hat die Bundesregierung sich zum Ziel gesetzt, die Ausbildungen in der Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege zu einem Ausbildungsberuf zusammenzulegen. Nach dieser sogenannten generalistischen Ausbildung soll der neue Beruf dann Pflegefachfrau/-mann heißen und man kann in allen Feldern der Pflege arbeiten. Zeitgleich soll mit dem Pflegeberufegesetz auch die Möglichkeit bestehen, Pflege im Rahmen eines dualen Studiums an der Universität zu studieren und mit Abschluss des Studiums sowohl Pflegefachkraft als auch Bachelor/Master zu sein.

UZ: Warum will die Regierung die Neuordnung?

Alexandra Willer: Eine generalistische Ausbildung gibt es in vielen europäischen und internationalen Ländern. Einer der Gründe ist dementsprechend die Angleichung an den EU-Standard. Vor allem aber versucht die Bundesregierung auf diesem Weg dem aktuell schon bestehenden und sich immer mehr zuspitzenden Pflegenotstand zu begegnen und will die Ausbildung damit attraktiver machen.

UZ: Welche Gefahren siehst du?

Alexandra Willer: Jede Menge. Der jetzt vorliegende Kabinettsbeschluss zum Gesetz und die Eckpunkte für die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung führen nicht zu einer Verbesserung der Ausbildung, sondern eher dazu, dass nicht mehr genug Tiefe im zukünftigen Berufsfeld da ist. Alles ein bisschen zu lernen und nichts richtig macht den Beruf nicht attraktiver.
Vor allem aber nutzt die Bundesregierung die Neuordnung als Angriff auf Betriebs- und Personalräte: Das Gesetz eröffnet den Arbeitgebern die Möglichkeit, die Gesamtverantwortung für die Durchführung der Ausbildung an freistehende Pflegeschulen zu übertragen. Und schon wird es für z. B. uns als Personalrat fast unmöglich darauf zu achten, dass die Azubis eine gute Ausbildung erhalten. Und es wird eine Ausbildung in zwei Qualitäten eingeführt. Nach jetzigem Stand sollen die dual Studierenden zwar die gleiche Ausbildung in der Praxis machen, aber dafür keine Ausbildungsvergütung erhalten. Wer weiß, wie sehr jede/r im Stationsalltag heute einer massiven Arbeitshetze ausgesetzt ist, wird schnell verstehen, dass das für uns nicht geht.
Die Arbeitgeber werden diese Sparvariante natürlich gerne aufgreifen

UZ: Welche Gegenvorschläge hast du?

Alexandra Willer: Das sinnvollste wäre, die Sonderwege in der Pflegeausbildung endlich wegzulassen und auch hier nach dem Berufsbildungsgesetz auszubilden. Darin sind immer noch die besten Standards für gute Ausbildungsqualität festgeschrieben, die Gewerkschaft ist über die Gremien fest mit eingebunden und die Finanzierung der gesamten Ausbildung ist sinnvoll für die theoretische Ausbildung über die Länder und für die praktische über die Betriebe geregelt.
Bleibt es bei einem Sonderweg für die Pflege und einer Zusammenlegung der bisherigen Ausbildung, brauchen wir nach einem gemeinsamen Teil der Ausbildung von z. B. eineinhalb Jahren dann eine lange Phase der Vertiefung im jeweiligen Spezialbereich, also der Alten, Kinder- oder Krankenpflege. Und es muss in jedem Fall sichergestellt sein, dass wir als Betriebs- und Personalräte in allen Belangen der Ausbildung im Boot sind und uns für eine gute Ausbildung einsetzen können.

UZ: Wie reagiert ver.di?

Alexandra Willer: ver.di macht sich stark für eine sogenannte integrative Ausbildung, in der trotz Zusammenlegung die Vertiefung ausreichend Raum hat und die Qualität der Ausbildung ausgebaut und nicht eingeschränkt wird.
Ein besonderes Merkmal liegt hierbei bei der praktischen Ausbildung, die bei dem Personalmangel in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen schon heute nicht mehr sichergestellt ist. Neben der formalen Einbindung von ver.di in das Gesetzgebungsverfahren gab es Azubi-Aktionen und eine bundesweite Postkarten­aktion dazu. Viele JAVen haben mit ver.di Druck auf die Bundesregierung erzeugt. Die erste Auswirkung davon ist, dass der Bundesrat in seiner Stellungnahme zum Gesetz einen Vorschlag zur Sicherung der betrieblichen Mitbestimmung macht, der zwar noch nicht ausreicht, aber in die richtige Richtung geht. Die Auseinandersetzung um eine gute Pflegeausbildung wird in den nächsten Wochen weitergehen, für ver.di und für uns in den Betrieben.


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