Schrottreaktor außer Kontrolle

Ein Kommentar von Oliver Wagner
|    Ausgabe vom 11. März 2016

Als „harmlosen Zwischenfall“ im nichtnuklearen Bereich der Anlage spielten der Betreiberkonzern EdF und die französische Atomaufsichtsbehörde ASN im Frühjahr 2014 einen Wassereinbruch im AKW Fessenheim gegenüber der Internationalen Atomenergieagentur IAEA und der Öffentlichkeit herunter. Jetzt deckten WDR und „Süddeutsche Zeitung“ auf, dass es dort zu einem der dramatischsten Reaktorunfälle in Westeuropa kam.
WDR und SZ berufen sich auf ein Schreiben der ASN wenige Tage nach dem Zwischenfall. Demnach seien die Steuerstäbe im Reaktorblock zeitweise nicht zu manövrieren gewesen. Die Medien zitieren den Experten Manfred Mertins, demzufolge es eine vergleichbare Situation in Westeuropa bislang noch nicht gegeben hat. Mertins war Sachverständiger bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit. „Es gibt eine Information, dass für etwa drei Minuten die Temperatur im Reaktorkern aus dem Ruder gelaufen ist.“ Die Mannschaft habe den Reaktor währenddessen quasi blind gefahren, sagt der Experte.
Fessenheim im Elsass ist das älteste Atomkraftwerk Frankreichs. Präsident Hollande hatte bei seinem Amtsantritt im Mai 2012 versprochen, die beiden 1977 ans Netz gegangenen Schrottreaktoren bis zum Ende seiner Amtszeit 2017 abzuschalten. Doch im Juni vergangenen Jahres teilte die ASN-Regionalchefin Sophie Letournel mit, EdF habe noch immer keinen Beschluss über die Schließung der beiden Reaktoren bei der Aufsichtsbehörde eingereicht, und angesichts der langwierigen Verwaltungsverfahren könnten bis zu einer Schließung „noch mindestens fünf Jahre“ vergehen. Dies, obwohl die französische Atomaufsicht nach dem Fukushima-GAU bestätigt hatte, dass die Betonplatte unter dem Reaktorbehälter von Block 1 in Fessenheim nur anderthalb Meter dick und damit die dünnste aller französischen Meiler ist. Bei einem Reaktorunfall mit Kernschmelze könnte sie bersten und den Rhein radioaktiv verseuchen.
Dass das AKW im Elsass eine existentielle Gefahr darstellt, hatte Greenpeace 2012 in einer Studie aufgezeigt. Im Auftrag der Umweltschutzorganisation hatten zwei Physikerinnen den zu erwartenden Fallout simuliert, der bei einer Katastrophe wie der in Fukushima zu erwarten wäre. Ein Horror-szenario: Wegen der enormen Strahlenbelastung, die ein GAU in Fessenheim bedeuten würde, könnte niemand mehr dauerhaft im Elsass, in Baden, im Saarland und in Luxemburg leben. Vor allem aber zeigt die nun aufgedeckte Vertuschungsaktion, dass wir es in Fessenheim mit einem Betreiberkonzern zu tun haben, der wie ein Hasardeur agiert, einer „Aufsichts“behörde, die beide Augen zudrückt, und einem Uraltmeiler, der aus dem letzten Loch pfeift.


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