Interview versaut

Kolumne von Volker Bräutigam
|    Ausgabe vom 11. März 2016

Volker Bräutigam

Volker Bräutigam

Die ARD hat in einem ausführlichen Interview den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zur Lage in seinem Land befragt. Wer sich die Mühe machte, es komplett im Internet nachzulesen bzw. sich dort die ungekürzte Originalversion anzuschauen, der konnte zweierlei erfahren: Zum einen reichlich Fakten und Realistisches über Syrien, den dortigen Krieg und über die politischen Zusammenhänge. Zum anderen, wie ein journalistisch sauberes und faires Interview gemacht wird: mit kritischen Fragen und dem Angebot an den Befragten, sie ungestört zu beantworten.
So weit, so gut. Doch das ist im vorliegenden Fall eben nicht sehr weit. Mehr als 90 Prozent der Nutzer des ARD-Informationsangebots beschränken sich auf die TV-Sendungen, nur eine Minderheit sucht nach mehr Hintergrund im Internet. Wer seinen Informationsbedarf lediglich mit „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ deckt, erlebte das sattsam bekannte Elend: Desinformation mittels Verkürzung und Manipulation vermittels abwegiger Interpretation.
Der Interviewer Thomas Aders fragt: „Herr Präsident, können Sie sagen, dass Syrien nach wie vor ein souveräner Staat ist, oder wird Ihre Politik bereits in Teheran bzw. im Kreml gemacht?“
Darauf antwortet Assad: „Der Begriff Souveränität ist relativ und verhältnismäßig. Vor der Krise hielt Israel unser Land besetzt und wir betrachteten unsere Souveränität so lange nicht als vollständig, wie wir unser Land nicht zurückhatten. Und jetzt überschreiten während der Krise zahlreiche Terroristen unsere Grenze und viele Flugzeuge der Amerikaner und ihrer Alliierten (was man dort als Allianz bezeichnet) verletzen unseren Luftraum. Auch hier kann man nicht von vollständiger Souveränität sprechen. Gleichzeitig ist man allerdings nach wie vor souverän, wenngleich nicht im vollen Umfang des Begriffs, wenn man eine Verfassung hat, wenn die Institutionen funktionieren und wenn der Staat mit seiner Arbeit ein Minimum für das syrische Volk leistet und wenn schließlich das syrische Volk sich keiner anderen Macht zu unterwerfen hat, was sicher das Wichtigste von allem ist.“
Und nun kommt, was kommen muss: Der Interviewer wird am Ende selbst von der „Tagesschau“ interviewt und nach seinem Eindrücken befragt. Aders: „Ihm geht es darum, dass das System überlebt, das System seines Regimes. Und er wird alles dafür tun, dass das so weitergeht. (.…) Und trotzdem hat er, und das fand ich sehr interessant, zugegeben, dass die Souveränität Syriens mittlerweile nicht mehr vollständig sei, eben durch die Hilfe, durch die Waffenhilfe von Russland, vom Iran und von der libanesischen Hisbollah.“
Da haben wir es. Assad hat in Interview nirgends angemerkt, er wolle, dass „das System seines Regimes“ überlebe. Er hat des genaue Gegenteil gesagt: „Wenn das syrische Volk will, dass ich diesen Platz räume, dann habe ich das sofort und ohne Zögern zu tun.“
Der Präsident hat auch nicht gesagt, die Souveränität Syriens sei wegen der „Waffenhilfe von Russland, dem Iran und der Hisbollah“ nicht mehr vollständig. Sondern, dass „viele Flugzeuge der Amerikaner und ihrer Alliierten (was man dort als Allianz bezeichnet)“ den syrischen Luftraum verletzten und Terroristen die Grenze überschritten. Deshalb könne man „nicht von vollständiger Souveränität sprechen“.
Der ARD-Mann Aders verhunzt also sein gutes Interview und macht sich selbst zum Opfer der systemeigenen Propaganda. Seine Falschinterpretation tauchte unter Berufung auf die gute alte Tante „Tagesschau“ in der gesamten deutschen Mainstream-Presse auf. Und das, obwohl das komplette Assad-Interview frei verfügbar war.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Interview versaut«, UZ vom 11. März 2016





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.