Volker Beck und der 0,6-Gramm-„Skandal“

Eine Glosse von Guntram Hasselkamp
|    Ausgabe vom 11. März 2016
 (Foto: Heinrich-Böll-Stiftung/flickr.com/CC BY-SA 2.0/www.flickr.com/photos/boellstiftung/16876817058)
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Der Grünen-Politiker Volker Beck soll mit 0,6 Gramm von irgendwas in einer Polizeikontrolle aufgefallen sein. Es soll ihm aus der Tasche gefallen sein. Nicht sonderlich plausibel, aber auch nicht ausgeschlossen. Beck hat sich erst einmal krank schreiben lassen. Seine Karriere dürfte einen Knick in Richtung Süden bekommen haben. Bischöfin Margot Käßmann fällt einem ein und ähnliche „Skandale“ in dieser Preislage. Früher sorgten „Sexaffären“ für entsprechende Schlagzeilen. Seit das Internet und die Omnipräsenz des Sexuellen die Spießermoral gewandelt hat, funktioniert diese Bigotterie nicht mehr so gut. Ein Ende der Bigotterie bedeutet das natürlich nicht.
Man muss die politischen Positionen von Volker Beck nicht mögen. Insbesondere seine Unterstützung des mörderischen zionistischen Zerstörungskriegs gegen das wehrlose Gaza ist eine ziemlich widerliche Nummer des allerdings typisch grünen Menschenrechtsinterventionismus. Aber das ist eine andere Geschichte.
Natürlich gibt es gute Gründe, nicht wenige Mitglieder des „Hohen Hauses“ zu Berlin in die Wüste zu schicken. Wenn, dann aber mit den richtigen Begründungen. 0,6 Gramm von irgendwas ist zumindest keine. Die Beteiligung an einem unprovozierten Angriffskrieg dagegen schon. Herr Schröder, Herr Fischer, Frau Merkel, Herr Seehofer – plus die entsprechenden „Jawoll!“-Fraktionen. Da wäre der Reichstag ja schon um einiges leerer.
Oder wie wäre es mit Eigentumsdelikten, Rentenbetrug in mehrstelliger Milliardenhöhe, Herr Riester, Herr Müntefering. Oder wie mit vorsätzlicher Massenverarmung, Demontage der Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe für alle, Herr Hartz. Wie mit der Einführung der Zweiklassen-Medizin, Frau Schmidt. Wie mit der Abschaffung demokratischer Rechte, Herr Schily … usw. usf. Da wäre noch reichlich aufzuzählen.
„Ficken wollen sie alle“, lautet eine alte Geheimdienst-„Weisheit“. Die Funktionalisierung menschlicher Bedürfnisse für staatliche Repression und Überwachung ist eine alte Technik. Innovativ führend auf diesem Gebiet war lange Jahrhunderte die Katholische Kirche. Allerdings schient ihr der frömmelnde Protestantismus des US-amerikanischen Bible-Belt in letzten Jahrzehnten den Rang abgelaufen zu haben. Seit der Prohibition und Nixons „War on Drugs“ feiert die religiöse Südstaaten-Bigotterie wahre Triumphe. Hunderttausende wanderten in die Knäste. Lateinamerika geriet unter invasionslegitimierenden Generalverdacht. Der religiös fundierte Exzeptionalismus (Vorstellung von der Sonderstellung) ist das kongeniale Gegenstück zu den weltweiten Interventionskriegen. Je wahnhafter die Frömmelei, umso blutiger die Kriege. Nixon erfand den „War on Drugs“ mitten im Vietnamkrieg. Kein Wunder also, dass es auf der muslimischen Seite eine Nachahmerveranstaltung gibt. Im Gegensatz zu Krebsmäusen und Brokkoli lassen sich Herrschaftstechniken nicht patentieren.
Wir wollen es nicht übertreiben. Herr Beck ist einer Bigotterie zum Opfer gefallen, an deren Runderneuerung er nicht ganz unbeteiligt war. Also, was soll’s. Zu bedenken ist aber, die Technik ist nicht auf Grünen-Politiker beschränkt.


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Leserbrief zu »Volker Beck und der 0,6-Gramm-„Skandal“«, UZ vom 11. März 2016





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