Kultur
Themen: Musik

Von Hootenanny zum Lied für Flüchtlinge

Das Festival „Musik und Politik“ blickte auf DDR-Verwurzelungen zurück
Von Hilmar Franz
|    Ausgabe vom 4. März 2016

Franz Josef Degenhardts „Hört ihr noch den Ruf der Schwäne?“, gewidmet den „Freunden und Genossen vom Festival des Politischen Liedes 1975 in Berlin“, gab dem Eröffnungsprogramm des 16. Nachfolge-Festivals (26.–28. Februar) den Titel. „Kommt, wir gehn noch mal die Straßen, atmen Wünsche in den kalten Wind, und wir reden über uns und Lieder, die noch nicht gesungen sind“. Zum Auftakt eines mit Kai Degenhardt (Solo) zweigeteilten Karratsch-Programms im „Wabe“-Klub am Ernst-Thälmann-Park sang es Gina Pietsch in kaum erst ausprobierter Vokal- und Instrumentalformation mit Tochter Frauke (Klavier und Arrangement) und Stefan Litsche (Klarinette). Zwischen zehn nachschöpferisch erarbeiteten Liedern bzw. Übersetzungen und Bearbeitungen von Altmeister Degenhardt, einige durch allzu überlagerndes Neu-Arrangement der Deklamation abträglich, schilderte die Diseuse den Anteil von Karratsch an ihrer politischen und künstlerischen Ausprägung. Später, so sagt sie, übten ähnlichen Einfluss auf sie vielleicht noch die „DDR konkret“-Lieder Gerhard Gundermann aus. Dessen 61. Geburtstag feierten am 21. Februar seine Liedgefährten und seine „Seilschaft“ in der „Wabe“.

Im klug akzentuierten Vortrag der Sängerin-Schauspielerin sind die Vorlieben der Neuland-Erkundung zu spüren. Sei es in Degenhardts Übertragungen von Georges-Brassens-Liedern aus den 80er Jahren oder in seinem 1968 geschriebenen Lied zur Befreiung von Mikis Theodorakis. 1969 aus dem studentischen Oktoberklub hervorgegangen und ab 1973 professionell in der Politsonggruppe „Jahrgang 49“, zog es 1974 die beim UZ-Pressefest Mitwirkende 1974 bei „Ja, dieses Deutschland meine ich“ und „Grandola, vila morena“ zur benachbarten Bühne. Degenhardt brachte nach der Nelken-Revolution frische Eindrücke aus Lissabon mit. Ein Jahr später führte sie ihn als Festivalgast des Politischen Liedes durch Berlin. Ihr bis zuletzt gepflegter Austausch überstand in den achtziger Jahren Eintrübungen durch Karratschs gorbatschowkritische Haltung.

Kai Degenhardt stellte sich im zweiten Programmteil fast ausschließlich in den Dienst der Karratsch-Lieder. Frappierend aktuell scheinen sie aus der Adenauer-Erhard-Zeit wieder auf – von „guten alten Zeiten“ bis zum „Schmuddelkinder“-Finale der Beteiligten. Präzis trifft er den sarkastisch-hintergründigen Erzählton des Vaters. Überzeugend die Liedauswahl, erschreckend die Analogien aus der Gegenwart zu den Wahlerfolgen der NPD in den westdeutschen Landtagen („Wölfe im Mai“), zu den „Spuren eines jungen Deserteurs“, die solidarische Episode über den im Pfälzerwald-Versteck geretteten potenziellen Vietnamkriegs-GI „P. T. aus Arizona“. Bitter der ganz alltägliche Rassismus im Mezzogiorno-“Paradies bei Herne“ oder in „So sind hier die Leute“.

Das „Mörderlied“ gegen Menschen ohne Papiere hat der Liedermacher Kai mit einer Strophe über das „Herzversagen“ eines „Asylanten im Fesselbett“ weiter aktualisiert und kommentiert. Weil es „deshalb nicht berührt, weil es jeden Tag passiert, in diesem Fall ohne Nazis“. Karratschs literarische Figuren aus dem Obdachlosen-, aber auch aus dem Antifa-Milieu sind als Vermächtnis mit Sprengkraft anzunehmen, denn „Einige glauben noch daran, dass man das alles noch ändern kann“.

Rückblicke auf die Anfänge in der DDR

Dass „Guantanamera“ und „We shall overcome“, Hymnen der internationalen Friedensbewegung, in der DDR der 60er bis 80er Jahre dazu beitrugen, sich in der Gemeinschaft als gesellschaftliches Wesen zu erkennen, ist auch der frühen unermüdlichen Basisarbeit des Banjo spielenden Kanadiers Perry Friedman (1935–1995) zu danken. Ebenso den in Berlin wiederkehrenden Auftritten seines Lehrers, des legendären amerikanischen Folkmusikers Pete Seeger (1919–2014). Als Perry Friedman, offiziell eingeladen, 1959 in der DDR ansässig wurde, brachte er die Form der „Hootenannys“ mit. Das waren lockere Zusammenkünfte zum gemeinsamen Singen und Musizieren, eine bunte Mischung aus Volksmusik, Protestliedern, spontanen Zuhörerbeiträgen. Was in den 1940er Jahren Woody Guthrie innerhalb der aufstrebenden Gewerkschaftsbewegung in den USA gelang, wurde hier von jungen Leuten begeistert aufgegriffen.

Der 1952 als US-Soldat in die DDR geflohene Publizist Victor Grossman, Jahrgang 1928, berichtete über diese Entwicklung als dolmetschender Zeitzeuge in einem Festivalvortrag. Er beleuchtete auch CIA-gesteuerte kulturelle Gegenstrategien nach Europa hinter dem Rücken des US-Kongresses. Seine Darlegungen ergänzt eine weiterhin gezeigte detaillierte Ausstellung des veranstaltenden Vereins Lied und soziale Bewegung. Mitte der 60er Jahre, als in der Bundesrepublik die Antikriegsbewegung wuchs und Protestsänger auf der Burg Waldeck zusammenkamen, war die Zeit reif dafür, beim Zentralrat der FDJ um räumliche, materielle und Medienunterstützung zu werben. Der Berliner FDJ-Chef Hans Modrow fand daran nichts bedenklich. So etablierte sich, unterstützt von Perry Friedman, Lin Jaldati, Gerry Wolf und anderen, beim Berliner Kino International ein Hootenanny-Club.

Dieser musste sich im Zuge einer veränderten, antiamerikanisch ausgerichteten Jugend- und Kulturpolitik der SED schon Ende 1966 in Oktoberklub umbenennen. Aus der Nachwuchs-Bewegung, die schon auf Bezirksstädte übergegriffen hatte, wurde die FDJ-Singebewegung. Der staatliche Lenkungsschwenk erfasste den Rundfunk (DT 64 als jüngster Sender des Deutschlandtreffens der Jugend), Fernsehen und Presse: Sie berichteten nun über Talent-Wettbewerbe der FDJ. Die sich später differenzierende Bewegung brachte viele bekannte Liedermacher hervor. Ende 1965, Anfang 1966 und noch 1967 wurden immerhin drei Mitschnitte einer auslaufenden kleinen Veranstaltungsserie auf Schallplatte gepresst. Eine Auswahl daraus sowie aus den im Festival-Begleitprogramm gezeigten Fernsehausschnitten findet sich auf einer Doppel-CD von Bear Records „Hootenanny in Ostberlin“.

Ebenfalls ergänzend zur Ausstellung sang Rainer Schöne eigene Lieder jüngeren Datums, und Wolfram Wischott Songs von Pete Seeger. Die Publizistin Regina Scheer befragte Berliner Liedermacher wie Jörn Fechner, Lutz Kirchenwitz und Bettina Wegner nach Erfahrungen von damals, dazu den ehemaligen FDJ-Kulturfunktionär Siegfried Wein. Dieser gab zu bedenken, dass der politisch veränderte Kurs auf einem neuerlichen Höhepunkt des Vietnam-Kriegs der USA erfolgte.

„Lassen wir die Sehnsucht verhungern oder nicht?“

Die aktuellen Programme außerhalb des historischen Festivalprojekts steuerte „Folker“, das Magazin für Folk- und Weltmusik, fördernd bei. Der mehrfach preisgekrönte Berliner Manfred Maurenbecher präsentierte das alljährliche Preisträgerkonzert „Liederbestenliste“ mit Sarah Lesch, Nachwuchssänger Falk und Musikkabarettist Manfred Krebs. Beim „Liederpodium“ ging es wesentlich politischer zu. Hier bestachen vor allem Tino Eisbrenner und Akkordeonist Heiner Frauendorf zum Thema Verfolgung, Flucht und Hoffnung („Lassen wir die Sehnsucht verhungern oder nicht?“ aus „20 Meilen bis Uruguay“), ebenso mit einem Antikriegslied nach Bulat Okudschawa und einer Adaption auf Heines „Schlage die Trommel“. Stefan Körbel steuerte Lieder der Friedensbewegung von John Lennon über Hanns Eisler bis zum „Jüdischen Partisanenlied“ von Hirsch Glik bei, der mit 22 Jahren fiel. Nicolas Rodrigo Miquea widmet seine interpretatorischen Fähigkeiten als Sänger und hochspezifizierter Gitarrist tätiger solidarischer Flüchtlingshilfe. Nadine Maria Schmidt, die mit ebenso engagierten wie poetischen Liedern den Förderpreis der Liederbestenliste gewann, stieg als „Verstärkung“ in Tino Eisbrenners Finale ein: „Bringt mich ein letztes Mal übern Maidan“. Das ursprünglich ukrainische Lied, einem bettelnden Lyra-Spieler gewidmet, war einst in der Sowjetunion weit verbreitet.


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Leserbrief zu »Von Hootenanny zum Lied für Flüchtlinge«, UZ vom 4. März 2016





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