Interview

Krieg und Flucht gehören zusammen

Werner Sarbok im Gespräch mit Alice Czyborra
|    Ausgabe vom 4. März 2016

UZ: Welche Sorgen hast du als Antifaschistin angesichts brennender Flüchtlingsheime, angesichts rechter Massenaufmärsche auf den Straßen und des Erstarkens der gesamten Rechten in unserem Land?

Alice Czyborra

Alice Czyborra

( VVN/BdA)

Alice Czyborra: Natürlich sind die Nachrichten über die Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte im ganzen Land, so am vorletzten Wochenende in Bautzen, unerträglich. Erschüttert haben mich die Beschimpfungen und Bedrohungen der Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Clausnitz, eine weitere Dimension von Rassenhass, Hass gegenüber Asylsuchenden, Zuwanderern und den schon lange hier lebenden Migranten. Schon vor Jahren hat die Friedrich-Ebert-Stiftung vor latentem Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus in der „Mitte der Gesellschaft“ gewarnt.

Die Diskussion der regierenden Politiker und in den Medien dreht sich gegenwärtig darum, wie am besten die Flüchtlinge aus unserem Land fernzuhalten sind. Man sieht: Die Parolen der Pegidas, AfD und der CSU verfehlen nicht ihre Wirkung. Erschreckend ist, in welchem Tempo immer weitere Beschränkungen des Asylrechts beschlossen werden mit dramatischen Auswirkungen für die Betroffenen. Inzwischen wird sogar die Bundeswehr im Mittelmeer in Stellung gebracht, um die Flüchtlinge abzuwehren. Militär und Rechtsextreme ergänzen sich.

UZ: Warum greifen aus deiner Sicht heute die Parolen der Rechten in diesem erschreckenden Ausmaß?

Alice Czyborra: Es vermischen sich berechtigte Einwände und Forderungen z. B. der Essener Bürgerinnen und Bürger mit aggressiver Haltung gegenüber den Geflüchteten. Kosten für Versorgung der Flüchtlinge gehen zum großen Teil zu Lasten der ohnehin klammen Kommunen. In Essen werden jetzt die bereits horrenden Grundsteuern erneut erhöht. Die Schuld wird den Asylsuchenden angelastet. Mich hat es besonders erschüttert, dass einige SPD-Ratspolitiker aus dem Essener Norden mit entsprechenden ausländerfeindlichen Argumenten den Ton angeben, statt zu hinterfragen, warum die Rekordsteuereinnahmen nicht den Kommunen zugute kommen, zu hinterfragen, wie viel uns Rüstung und Kriegseinsätze kosten, statt die Umverteilung von unten nach oben anzuprangern. Geschickt werden die sozial Benachteiligten gegen Schutzsuchende ausgespielt. Es ist eine Illusion der sogenannten Parteien der Mitte zu glauben, sie könnten mit ausländerfeindlichen Parolen bei den kommenden Wahlen den Zulauf am rechten Rand stoppen, indem sie ausländerfeindliche Forderungen der Rechten aufgreifen.

UZ: Was macht dir Mut?

Alice Czyborra: Mut machen mir die Menschen, die sich in den Runden Tischen engagieren. Als das Wort von Angela Merkel „Wir schaffen das“, noch galt, waren in unserem Stadtteil über 300 Menschen der Einladung zu einem Runden Tisch gefolgt. Sie lassen sich heute nicht beirren von teilweise abschätzigen Äußerungen gegenüber der Willkommenskultur. Es ist bewundernswert, wie sich Sport- und Kulturvereine, Kinder- und Jugendorganisationen, christliche Gemeinde, Verbände und auch viele Einzelpersönlichkeiten darum bemühen, das Leben der Geflüchteten in den unsäglichen Unterkünften zumindest ein wenig erträglicher zu gestalten. Dieses Engagement kann nicht hoch genug gewürdigt werden, steht es doch für das humanistische Deutschland, das sich der Verantwortung bewusst ist, auch der geschichtlichen Verantwortung. Das gibt mir viel Zuversicht, gehöre ich doch einer Familie an, die nur überleben konnte, weil ihr in Frankreich Asyl gewährt wurde und weil sie so viel Solidarität erfahren konnte. Mein Vater Peter Gingold – es muss Ende 1992 oder Anfang 1993 gewesen sein – hatte eine Rede gegen die Einschränkung des Artikels 16 gehalten, heute so aktuell wie damals:

„Der Artikel 16 ist eine Dankesschuld an die Völker, die so vielen deutschen Flüchtlingen das Leben retteten. Der Artikel 16 gilt als Zeichen eines humanen Deutschlands, in dem alle Menschen, gleich welcher Herkunft, gleichberechtigt leben, ein Deutschland, das mithilft, die Ursachen in der Welt zu beseitigen, die Menschen zu Flüchtlingen machen. Und noch etwas, was unser Volk hierzu verpflichtet, wie kein anderes auf dieser Erde: Es wird gesagt, es gibt ja auch in anderen Ländern Rassismus, Ausländerfeindlichkeit. Wohl wahr, sie sind keine spezifisch deutschen Erscheinungen. Nun aber doch, es gibt einen kleinen Unterschied zu allen anderen Ländern: In unserem Land hat der Rassismus seinen grauenhaftesten Höhepunkt in der Geschichte der Menschheit erreicht.“

UZ: Welche Aufgaben haben die antifaschistischen Kräfte heute?

Alice Czyborra: Gerade in diesen Tagen wehrt sich das Bündnis „Essen stellt sich quer“ gegen eine angekündigte NPD-Demonstration am 2. April unter dem Motto: „Einmal Deutschland und zurück! Asylmissbrauch und Islamisierung stoppen.“

Es wäre zum Verzweifeln, wenn eine so offensichtlich volksverhetzende Demonstration womöglich schon wieder polizeilich genehmigt und geschützt wird, gäbe es nicht das Engagement antifaschistischer Kräfte, unter ihnen viele junge Menschen. Es gibt auch in Essen ein breites Spektrum aus Initiativen, Verbänden, Parteien, unter ihnen Sozialdemokraten, die das Vorgehen ihrer Genossen im Essener Norden massiv kritisieren. Das antifaschistische Bündnis stellt sich unermüdlich dem Rassismus, den rechten bis neonazistischen Parteien entgegen. Das macht Mut.

Vor allem müssen wir immer wieder auf die Fluchtursachen, den Zusammenhang von Krieg und Flucht. hinweisen. Die Flüchtlinge lassen sich nicht aufhalten, so lange die Kriege im Nahen Osten toben. Die VVN-BdA betont, wie notwendig es ist, dass antifaschistische Bewegungen und Friedensbewegungen zusammengehen. Aktive Menschen der Runden Tische, in den antifaschistischen Bündnissen als Teilnehmer für die diesjährigen Ostermärsche zu gewinnen, sehe ich als wichtige Aufgabe der kommenden Wochen.

UZ: Du gehörst den „Kindern des Widerstandes“ an. Deine Eltern, Ettie und Peter Gingold, waren bekannte antifaschistische Widerstandskämpfer in unserem Land. Wie wollt ihr dieses antifaschistische Erbe, den Mut und diesen Kampf weitertragen?

Alice Czyborra: Heute bemühen sich Zeugen der Zeitzeugen, die Erfahrungen der Widerstandkämpferinnen und -kämpfer mit dem faschistischen Terror weiterzutragen anhand der Schriften, Biographien, Artikel und dokumentarischen Aufzeichnungen, die sie uns hinterlassen haben.

Wir, als die Gruppe „Kinder des Widerstandes“, sehen uns in einer besonderen Verantwortung. Wir wollen dem antifaschistischen Kampf ein Gesicht geben, indem wir über unsere Eltern erzählen. Wir erzählen auf persönliche Art und Weise, was Widerstand, Verfolgung, Inhaftierung, Folter und Terror für den einzelnen Menschen und dessen Familien bedeutete. Ganz besonders möchten wir auf den Arbeiterwiderstand aufmerksam machen, dem unsere Eltern angehörten, und der in der Geschichtsschreibung kaum erwähnt wird. Wir sind in letzter Zeit öfters in Schulen aufgetreten, auch im Rahmen der Ausstellung „Neofaschismus in Deutschland“, und so können wir den Bogen von damals und zu heute spannen, auffordern sich einzumischen, damit die nachfolgenden Generationen nicht Ähnliches erleben müssen.


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Leserbrief zu »Krieg und Flucht gehören zusammen«, UZ vom 4. März 2016





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