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Themen: Filme

Traumhafte Traumfabrik

Mit „Hail, Caesar!“ zerlegen die Coen-Brüder genüsslich-amüsiert das alte Hollywood
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 26. Februar 2016
Von der Anstrengung der Schauspielerei gefällt: Equus Dente (George Clooney) (Foto: Universal Pictures)
Von der Anstrengung der Schauspielerei gefällt: Equus Dente (George Clooney) (Foto: Universal Pictures)

Es waren Hollywoods Goldene Jahre. Die Zeit der strahlenden Bombe und der strahlend-sauberen Hochglanzproduktionen mit ebenso strahlend-sauberen Hochglanzstars wie Doris Day oder Rock Hudson. Mit harten, aber ehrlichen Kerlen wie John Wayne & Co. konnte die US-Nachkriegsgesellschaft immer wieder aufs Neue den Wilden Westen erobern. Mit zuckersüßen Revuegirls wie Ginger Rogers und pomadeglänzenden Tänzern wie Fred Astaire für eineinhalb Stunden die Leichtigkseit des American Way of Life und einen lange entbehrten Glamour, wenn auch nicht den eigenen, genießen. Aber die ganz besondere Liebe der Traumfabrik der aufstrebenden Supermacht galt dem Sandalenfilm. Wenn es irgend etwas gab, in dem sich die Weltmacht USA spiegeln konnte, dann war es die Weltmacht Rom.

Joel und Ethan Coen widmen sich dieser „heroischen“ Phase der US-Bewusstseinsindustrie mit ihrem etwas speziellen Blick. Eddie Mannix (Josh Brolin) managt den erfolgreichen Hollywood-Konzern Capitol Pictures mit raubeinig-souveräner Routine. Nicht ganz so weit bestellt ist es mit seiner Souveränität beim Umgang mit seiner Gattin und seiner römisch-katholischen Furcht um sein Seelenheil. Hinter Mannix‘ Schreibtisch prangt ein eindrucksvoller Lageplan der Capitol-Pictures-Studios, der allerdings fatal an Lagepläne von Konzentrationslagern erinnert.

Für ihr neues Prestige-Projekt, „Hail, Caesar!“, haben die Studios den bewährten, aber nicht immer sonderlich textsicheren Recken Baird Whitlock (George Clooney) engagiert. Whitlock soll den Part eines römischen Centurio mit dem vielversprechenden Namen „Equus Dente“ (in etwa Pferdegebiss) übernehmen. Etwaige Ähnlichkeiten mit dem kinnladenkrampfenden Charlton Heston in „Ben Hur“ o. ä. sind natürlich genauso wenig beabsichtigt wie Channing Tatums (als Burt Gurney) gleichermaßen gekonnte wie ziemlich schwule Tanzeinlage im Matrosenanzug in „No Dames“ mit den entsprechenden Kabinettstücken von Gene Kelly. Gleiches gilt für Scarlett Johanssons DeeAnna Moran, die mit der dauergrinsenden „badenden Venus“ Esther Williams natürlich schon deswegen nichts zu tun haben kann, weil Johansson blond und Williams brünett gewesen ist.

Unglücklicherweise wird Superstar Whitlock entführt. Wer kann es gewesen sein? (1950er Jahre, die SU hat die Bombe, China die Revolution, Korea-Krieg, „Tail-Gunner-Joe“ McCarthy.) Also natürlich die üblichen Verdächtigen, die Commies.

Da in Hollywood immer schon ein gewisser Mangel an Che-Guevara-ähnlichen Guerilleros bestand, mussten für Big Joes „Red Scare“-Angstkampagnen eben ziemlich unmilitante Typen vom Schlage der „Hollywood Ten“ herhalten. Drehbuchautoren und Regisseure, die in ihre Texte und Filme, unbemerkt von der Zensur (und wohl auch von den meisten Zuschauern) ein klein wenig „unamerikanisch“-realistische Subversion eingeschmuggelt hatten.

Equus Dentes Kidnapper sind ebenfalls eher gesetzte, ältere Herren mit dem kryptischen Kampfnamen „Zukunft“. Eine geheime kommunistische Zelle, die allerdings ein vollverglastes nobles Strandhaus an einem exklusiv-romantischen Punkt der Pazifikküste bewohnt. Die „Zukunft“, untereinander vollendet zerstritten, verpasst nun dem verwirrten Hollywood-Kämpen einen Crash-Kurs in Politökonomie und Herrschaftsstrategie. Was diesen natürlich unmittelbar überzeugt. Um die Sache abzurunden, tritt der gefürchtete „Große Bruder“ auch noch auf den Plan in Form eines gigantischen U-Bootes, das die devot heranrudernden „Zukunfts“-Apostel beinahe mit seiner beim Auftauchen erzeugten Welle zum Kentern bringt.

„Hail, Caesar“ ist dazu mit einigen feinen Nebensträngen und -figuren ausgestattet, wie dem formidablen Cowboy Hobie Doyle (Alden Ehrenreich), der zwar imponierende Tricks auf dem Pferderücken vorführt, dafür aber nicht so recht mit der Sprache umzugehen weiß. Nichtsdestotrotz wird er von Eddie Mannix in feinen Zwirn gesteckt und auf das glatte Hochglanzparkett einer feinen Gesellschaft mit Hang zu gepflegter Konversation geschickt. Mit den entsprechend hölzernen Ergebnissen, die dann doch irgendwie an John Wayne erinnern. Sehr überzeugend auch Tilda Swinton in der Doppelrolle zweier Klatschreporterinnen mit den nicht ganz unpassenden Namen Thora und Thessaly Thacker.

Die Coen-Brüder haben sich offensichtlich spätestens seit der rabenschwarzen Komödie „Barton Fink“ (1991) immer mal wieder die Zersetzung des Hollywood-Mythos vorgenommen. Schon damals spielten Capitol Pictures und eine Louis.-B.-Mayer-ähnliche Filmmogul-Figur eine zentrale Rolle. Unter anderen mit den Thrillern „Fargo“ (1996), „No Country for Old Men“ (2007) und dem Western-Remake „True Grit“ (2010) setzten sie diese Demontage fort. Nach „Hail, Caesar!“ scheint, ganz wie in der Wirklichkeit, nicht mehr viel übrig vom alten Westküsten-Glamour.


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Leserbrief zu »Traumhafte Traumfabrik«, UZ vom 26. Februar 2016





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