Köln ohne Ende

Kolumne von Barbara Kuprat
|    Ausgabe vom 15. Januar 2016

Eigentlich weiß ich immer noch nicht richtig, was wirklich passiert ist in Köln, in der Silvesternacht. Sicher ist aber, dass es massive sexuelle Belästigungen gegenüber Frauen und Mädchen gegeben hat. Eine Ungeheuerlichkeit, die durch absolut nichts zu entschuldigen ist und die einmal mehr zeigt, wie faul und verrottet dieses Gesellschaftssystem ist. Egal, ob die Männer aus „Macho-Ländern“ (Originalton Julia Klöckner, CDU) stammen, oder ob es sich um deutsche Männer handelt, das Problem ist eine Gesellschaft, die diese Gewalt duldet, ja die diese sexuelle Gewalt produziert, um eine patriarchalische Kultur aufrecht zu erhalten, die von einer ungleichen Machtverteilung zuungunsten des weiblichen Geschlechts profitiert.

Und ich rede jetzt nicht von den islamistisch geprägten Ländern, in denen zugegebenermaßen häufig ein Frauenbild propagiert wird, das uns die Tränen in die Augen treibt. Ich rede von Deutschland. Täglich sind hierzulande Frauen sexualisierter Gewalt ausgesetzt, die von verbaler Belästigung über „Grabschen“, einen Klatsch auf den Po, bis zur Vergewaltigung im Ehebett reicht. Letzteres ist ein Gewaltakt, der erst seit 1997 strafrechtlich geahndet wird, sollte er überhaupt zur Anklage kommen. „Busen-Grabschen“ hingegen, oder „unter den Rock fassen“ sind Vergehen, die keinerlei strafrechtliche Konsequenzen zur Folge haben, da sie unterhalb einer „Erheblichkeitsschwelle“ liegen.

Tatsächlich kann eine Frau, die sich mit einer Ohrfeige oder ähnlichem gegen eine derartige „Anmache“ wehrt, ihrerseits mit einer Anzeige wegen Körperverletzung rechnen. Geradezu lächerlich, oder soll ich sagen unverschämt, kommt da der Tipp von Kölns OB Henriette Reker, sich Männern nicht mehr als auf Armlänge zu nähern, um Belästigungen zu entgehen. Was soll uns Frauen damit gesagt werden? Was für ein Bild von Mädchen und Frauen wird zurzeit produziert? Schutzbedürftig? Wehrlos? Bedroht von männlicher Gewalt?

Eine aktuelle Umfrage der ARD hat ergeben, dass 37 Prozent der Frauen sich nicht mehr sicher fühlen und Menschenmassen meiden wollen. Der Verkauf von Pfefferspray ist sprunghaft angestiegen. Es werden Bürgerwehren gegründet.

Ja, und nochmal ja, es ist eine Ungeheuerlichkeit, die sich in Köln zugetragen hat, und es ist eine Schande, dass viele Täter straffrei bleiben werden, sei es weil sie nicht gefasst werden, oder weil das Delikt nicht die „Erheblichkeitsschwelle“ erreicht. Aber es ist auch eine Ungeheuerlichkeit, wie die Vorfälle ausgeschlachtet werden, um ein Klima der Angst, Unsicherheit und Fremdenfeindlichkeit zu schüren. Es ist erschreckend zu sehen, mit welchem Eifer nun für die „innere Sicherheit“ aufgerüstet werden soll: mehr Polizisten, ausgerüstet mit Body-Cams, mehr Video-Überwachung, mehr verdachtsunabhängige Personenkontrollen und schärfere Abschiebe- und Asylgesetze.

Natürlich sind die Vorfälle ein gefundenes Fressen für Rassisten und Faschisten aller Art, die ihr Gekläff bereits lautstark auf die Straße bringen, wie am Samstag in Köln, wo sich rund 1 700 Rechte unter dem Motto „Pegida schützt“ gegen Asylanten und Flüchtlinge zusammenrotteten. Eine von Hass und Gewalt geprägte Kundgebung, die von der Polizei abgebrochen werden musste.

Was ist zu tun? Eines ist sicher, Frauen sind nach wie vor und oft unterschwellig (nicht nur) sexueller Gewalt ausgesetzt, Gewalt, die der Machtausübung und Herrschaftssicherung des Mannes über die Frau dient, und die dem Erhalt des Systems dient, das auf der Herrschaft des Menschen über den Menschen basiert, dem Kapitalismus. Und genau hier liegt der Hund begraben.


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Leserbrief zu Artikel »Köln ohne Ende«, UZ vom 15. Januar 2016





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