Kölner Menetekel

Eine Glosse von Guntram Hasselkamp
|    Ausgabe vom 15. Januar 2016

Es ist der klassische Topos aus dem Rassismusbaukasten: Der brutal-potente „Nigger“ und die unschuldige, blonde, weiße Frau. Tausende „Nigger“ sind ihm in den USA zum Opfer gefallen. Billie Holiday hat ihnen mit „Strange Fruits“ ein musikalisches Denkmal gesetzt.

In Deutschland mussten in Ermangelung von Farbigen andere herhalten. Besonders beliebt: Der Jude und der Slawe, genauer: der Russe. Ersteren, er ist momentan nicht so en vogue, hat Veit Harlan in „Jud Süß“ verewigt. Letzterer, der mordend vergewaltigende Russe, ist dagegen ein echter Evergreen. Zwar erreichte er seine größte Popularität schon in der Goebbelspropaganda, wo er Millionen motivierte, ihr Leben einem längst verlorenen Raub-und-Mord-Krieg zu opfern, aber er ist ein Kinoknaller bis heute geblieben und dürfte noch eine große Zeit vor sich haben.

Nun hat sich die Lage geändert. Germanien ist fremdvölkisch „durchmischt und durchrasst“, wie Edmund Stoiber schon 1988 ahnungsvoll den Untergang befürchtete. Jetzt haben wir unseren eigenen „Nigger“ und der „schnackselt gern“, wie schon Gloria von Thurn und Taxis freudig zu berichten wusste.

Und nun der Kölner Hauptbahnhof. Silvesternacht. Bis jetzt ist klar, dass nichts klar ist. Auch dem letzten Gutgläubigen wird nun beigebracht, dass polizeiliche Lageberichte auch nichts anderes sind als Teil der Meinungsproduktion. Und da kann für dieselbe Veranstaltung entweder „friedliches Feiern, entspannte Einsatzlage“ stehen, oder auch „Straftaten einer völlig neuen Dimension“, was immer das heißen soll. Auf einmal behauptet sogar der Focus: „Das Schweigekartell“, ganz verschwörungstheoretisch, die Existenz einer zentralen Informationssteuerung.

Forschen Bild & Co. nach, so zeigt sich, dass es bei den „friedlichen Feiern“ in Deutschland so friedlich nicht zugeht. Nicht in Köln und auch nicht anderswo und auch nicht nur an Silvester. Da gibt es bei zahlreichen „Feiern“ das erklärte Ziel, mal so richtig „die Sau rauszulassen“. Und das passiert dann auch, wie nun allenthalben zu lesen ist. Jetzt – wo es die große Chance gibt, auf die Sau das Wort „Flüchtling“ zu pinseln.

Beklagt wird nun ein „Polizeiversagen“. Das ist genauso falsch wie ein „Versagen“ der „Dienste“ bei den NSU-Morden. Das „Versagen“ ist politisch gewollte Prioritätensetzung. Während zum Schutz von sieben Regierungschefs in Elmau 24000 Polizeikräfte mobilisiert wurden, und zum Schutz jeder Nazidemo die Truppen in Bürgerkriegsstärke anrücken, dürfen andere halt selber sehen, wie sie klar kommen. Da ist zum Schutz von Flüchtlingsunterkünften nicht mal ‘ne Videokamera mehr übrig. Über 800 Anschläge auf Flüchtlingsheime in 2015. Die Aufklärungsquote liegt bei fünf Prozent. Und dass Frauen beim „Saurauslassen“, wie beispielsweise beim Oktoberfest, begrabscht werden und mehr, gilt da doch eher als einverständliche Brauchtumspflege. Da hätte man ja viel zu tun …

Die Kanzlerin hat eine „harte Antwort des Rechtsstaats“ gefordert, einige hätten „ihr Gastrecht verwirkt“. Nein, nicht der braune Mob. Köln deutet eine politische Wende in der Asylpolitik an, wie 1992 Rostock-Lichtenhagen. Der slowakische Regierungschef Robert Fico hat den medialen Steilpass schon verwandelt: Die Slowakei will keine muslimischen Flüchtlinge mehr aufnehmen. Und schon in Rostock-Lichtenhagen war es egal, dass es ja nicht die Vietnamesen waren, die das „Sonnenblumenhaus“ abgefackelt hatten.

Natürlich interessieren die begrabschten Frauen genau so wenig wie das Elend der Flüchtlinge. Die „Straftaten einer völlig neuen Dimension“ existierten erst, als die Medien in den „Männern nordafrikanischen Aussehens“ die propagandistische Verwertbarkeit erkannten. Ansonsten hätte es diese Straftaten nie gegeben. Die neoliberalen Systemparteien haben ohne mit der Wimper zu zucken ganze Länder ins Elend gestoßen. Es vereint sie das große Ziel, dem Shareholder Value, der Großen Gier, zum Durchbruch zu verhelfen. „Gier ist gut!“, der zynische Kampfruf von Gordon Gekko ist zum Kampfruf einer ganzen Epoche geworden. Humanität, Pazifismus und soziale Emanzipation werden als Gutmenschentum verhöhnt. Der daseinsvorsorgende Staat ist dem Spardiktat, die gesellschaftliche und technische Infrastruktur dem Verfall preisgegeben. Nur wer reich ist zählt, wer arm ist, hat versagt, ist ein Niemand.

Diese zahllosen Niemands, ohne Perspektive, in einer erodierenden, umweltzerstörenden, kriegerischen Welt, in der der Shareholder-Zynismus den Endsieg davonzutragen scheint, fühlen sich zurückgeworfen auf das Vergessen im individuellen Kick, im rauschhaften Augenblick, im körperlichen Selbsterleben, in dem kein Gestern und Morgen mehr zählt. Es ist der eruptive Ausbruch aus einer immer rigoroseren Kontrolle und Fremdbestimmtheit, der – „Gier ist gut!“ – die tradierten Normen zunehmend verachtet. Die von den Eliten, den Siegern vorgelebte Doppelmoral und Normenverachtung, die von ihnen betriebene systematische Verrottung der gesellschaftlich materiellen Lebensgrundlagen findet ihre Antwort in der Verrohung und Entzivilisierung der Verlierer, der Niemands.

Nach Köln ertönt der altbekannte Ruf nach mehr Repression, mehr Polizei, mehr Kameras und härteren Gesetzen. Es ist wieder die große Stunde der „Null-Toleranz-Apostel“ mit ihrem Vorbild USA. Sie werden den Verfall, die Entzivilisierung (inklusive des Begrabschens von Frauen) nicht aufhalten. Man braucht nur den Blick über den Großen Teich zu riskieren.


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Leserbrief zu Artikel »Kölner Menetekel«, UZ vom 15. Januar 2016





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