86 Cent für Spielsachen

Massenhafte Kinderarmut bleibt
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 11. Dezember 2015
 (Foto: Nadine Heidrich/flickr.com/CC BY-SA 2.0)
(Foto: Nadine Heidrich/flickr.com/CC BY-SA 2.0)

Armut wird relativ definiert. Das heißt für die Betroffenen, salopp gesprochen: ihre Armut wird an dem gemessen, was andere haben – beziehungsweise sie im Vergleich zu den anderen nicht haben. Als arm gilt, wer über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Netto-Einkommens der Gesellschaft, in der sie oder er lebt, verfügt. Konkret heißt das hierzulande z. B. für eine Single-Mutter mit zwei Kindern maximal 1 440,- Euro zur Verfügung zu haben. Laut dem „Verein für ein soziales Leben“ sind 45 Prozent dieser Gruppe von Armut betroffen. Durchschnittlich sind 39 Prozent aller Single-Eltern, in erster Linie Single-Mütter, im ALG-II-Bezug. Somit sind sie dort die größte Gruppe.

Das Deutsche Kinderhilfswerk geht aktuell von 2,8 Mio. Kindern aus, die in diesem Land in Armut leben. Da sind die vielen Flüchtlingskinder, die zum Teil gezwungen sind, in bundesdeutschen Großstädten in Zelten zu überwintern, nicht mit eingerechnet. Der Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) zufolge lebt jede/r 4. Jugendliche oder Jung-Erwachsene zwischen 16 und 24 Jahren in materieller Not oder ist davon bedroht.

Der Verein für Soziales Leben hat mal hinter diese nüchternen Zahlen geguckt: „Das sind Martina, Jana, Leon, Thomas, das sind Einzelschicksale. Ihnen fehlt es an Geld für Essen, Kleidung und Spielsachen.“ Seit 1965 habe sich die Geburtenrate von 1,3 Millionen auf 680 000 pro Jahr beinahe halbiert. Die Zahl der Kinder, die arm seien, sei hingegen um das 16-Fache angestiegen, ist auf der Webseite der Organisation zu lesen. „Arme Kinder müssen im Jahr 2008 im Monat mit 208 Euro auskommen. Das ist der sogenannte Hartz-IV-Regelsatz für Kinder. In den 208 Euro sind 86 Cent für Spielsachen und maximal 0,76 Euro für Schulsachen pro Monat enthalten.“ Umgerechnet auf ein Jahr bedeutet das: Spielsachen für 10,32 Euro und für Schulmaterialien sage und schreibe 9,12 Euro pro Jahr.

Ein 15 Jahre altes Kind, das sich ausgewogen und gesund ernähren möchte, muss täglich im Durchschnitt 4,68 Euro im Discounter oder 7,44 Euro im Supermarkt ausgeben, so das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund. Im Hartz-IV-Regelsatz sind für Lebensmittel aber nur 2,57 Euro vorgesehen.

Hamburg ist von Kinderarmut besonders betroffen. Viele Kinder erhalten keine regelmäßigen gesunden Mahlzeiten. 20 Prozent der unter 6-jährigen beziehen Sozialleistungen. Jedes dritte Kind dieser Altersstufe kommt aus einer Familie, die unterhalb der Armutsgrenze lebt. Doch Armut bedeutet nicht nur kein Schwimmbad, kein Kino, kein Spielzeug, kein Urlaub, kein eigenes Zimmer …, sondern hat Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder. Im Kindesalter, und als Spätfolgen, die noch gar nicht abzusehen sind. Durch schlechtes Schuhwerk z. B. und durch mangelhafte Ernährung. Und psychische Erkrankungen, für die in sehr jungen Jahren der Grundstein gelegt wird.

Armut hat Auswirkungen auch auf die Bildungschancen der betroffenen Kinder – und somit auf ihr gesamtes späteres Leben. Bei der schulischen Bildung haben in Hamburg vor allem Kinder aus Elternhäusern mit Migrationshintergrund sowie Kinder aus ökonomisch benachteiligten Familien zu niedrige Leistungsstände und machen zu geringe Lernfortschritte. Dies ergibt sich aus der Studie „Kompetenz und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern“ des achten Jahrgangs (KESS 8), die die Hamburger Schulbehörde im April 2010 veröffentlicht hat. Daran nahmen rund 13 900 Jugendliche teil.

Irgendwie scheint es auf der Hand zu liegen, wie dem Problem Kinderarmut Abhilfe geschaffen werden könnte. Das scheint auch der überwiegende Teil der Gesellschaft so zu sehen: eine repräsentative Umfrage von Infratest DIMAP im Jahr 2014 ergab, dass die Mehrheit der Deutschen Maßnahmen wie Lehrmittelfreiheit, kostenlosem Mittagessen in Kitas und Schulen, kostenloser Ganztagsbetreuung, kostenlosem Zugang zu Angeboten in den Bereichen Bildung, Kultur und Sport zustimmen und dafür auch höhere Steuern in Kauf nehmen würde.

Wer das Problem bei den Wurzeln packen will, muss bei den Eltern ansetzen, vor allem den Müttern. Als wichtigsten Auslöser von Kinderarmut sieht das Deutsche Kinderhilfswerk prekäre Arbeitsverhältnisse und die besondere Lebenssituation von Single-Müttern. Hinzuzufügen wäre die besondere Lebenssituation von Familien mit Migrationshintergrund.

Mit anderen Worten: wer Kinderarmut mit all ihren Folgen aus der Welt schaffen möchte, muss für soziale Sicherheit und Chancengleichheit sorgen. Soziale Sicherheit aller Lebensformen, in denen kleine und junge Menschen eine Rolle spielen, und gleiche Bildungschancen für alle. Unabhängig vom sozialen Stand der Eltern, von ethnischer Zugehörigkeit oder Aufenthaltsstatus.

Klingt logisch. Nur scheint diese Logik nicht jene zu erreichen, die für die Umsetzung zuständig wären. Kinderarmut ist bekanntermaßen ein massives Problem in Hamburg. Doch statt Maßnahmen zu ergreifen, die dieses Problem beseitigen – oder zumindest lindern – würden, wird ausgerechnet bei Kinder- und Jugendprojekten gekürzt. Ausgerechnet in Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Migrantinnen und Migranten und Flüchtlingen will z. B. der Bezirk Harburg 90 000,- Euro einsparen. Sechs Einrichtungen wären dann nicht aufrecht zu halten.

Doch die zuständigen Behörden haben sich eine besonders pfiffige Lösung einfallen lassen: Die betroffenen Initiativen könnten ja Gelder aus einem neuen Topf für Flüchtlings-Arbeit beantragen. Diese Mittel sollen laut Verwaltung auch bewilligt werden. Doch diese Mittel sind – völlig zu Recht – für die Unterstützung von Projekten der Flüchtlingsarbeit gedacht.

Sabine Hauk, Geschäftsführerin des sozialen Trägervereins „Beruf und Integration Elbinseln“, Betreiber des „Kindertreff Heimfeld“, hält wenig von dem Vorhaben, wie sie derHamburger Morgenpost (MOPO) gegenüber äußerte: „Das ist absurd. Bei einem Ausflug könnte es dazu kommen, dass die einheimischen Kinder zu Hause bleiben müssen und nur die Flüchtlingskinder fahren dürfen. Wenn man Ressentiments schüren will, dann ist das der Weg.“


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Leserbrief zu »86 Cent für Spielsachen«, UZ vom 11. Dezember 2015





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