Warmer November

Kolumne von Lars Mörking
|    Ausgabe vom 20. November 2015

Lars Mörking

Lars Mörking

Es ist warm in Deutschland. Beunruhigend warm.

Aber das betrifft nur das Klima. Anfang der Woche wird in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Meldung veröffentlicht, die wie jedes Jahr gegen Ende November/Anfang Dezember unabhängig vom Wetter neue Rekorde verkündet: Über 350000 Stromsperren sollen letztes Jahr „verhängt“ worden sein.

Eine Stromsperre bedeutet nicht nur, dass die Betroffenen vom Netz genommen werden. Eine Stromsperre bedeutet einen erheblichen finanziellen, gegebenenfalls auch gesundheitlichen Schaden.

Die Lebensmittel im Kühlschrank vergammeln, der Herd bleibt kalt, das Licht aus, die Wäsche ungewaschen, in einigen Wohnungen auch die Warmwasserversorgung und Heizung. Zusätzlich muss die Unterbrechung der Stromversorgung von den säumigen ZahlerInnen getragen werden. Diese haben sich zuschulden kommen lassen, trotz Androhung einer Stromsperre (davon gab es 2014 6,3 Millionen!) ihre Rückstände ab 100 Euro aufwärts nicht gezahlt zu haben. Zu diesen bereits vorhandenen Rückständen kommen weitere Beträge hinzu, Zinsen, Mahngebühren …

Dies erhöht nicht gerade die Wahrscheinlichkeit, dass das Geld überhaupt zurückgezahlt werden kann.

Der Meldung vom neuen Rekordstand bei Stromsperren werden „Tipps“ in „Verbrauchermagazinen“ folgen, wie der Verbrauch verringert werden kann, der Umwelt und dem eigenen Schuldenstand zuliebe: Stromberatung, Austausch von Energiefressern oder gar ein PrePaid-Verfahren, damit arme Menschen gar nicht erst in die Versuchung kommen, mehr zu verbrauchen, als sie zahlen können. Laut Caritas erhielten zum Beispiel ALG-II-EmpfängerInnen 2013 zu wenig Geld für Strom, 23 Prozent unter den tatsächlichen Kosten. Da bietet sich PrePaid ja geradezu an.

PrePaid ist in anderen Ländern bei Energiekonzernen ganz normal: Ich lade eine Karte mit einer bestimmten Summe auf, die dann aufgebraucht wird. Ist nichts mehr auf der Karte, kriege ich keinen Strom mehr … Dann verfaulen die Lebensmittel zwar immer noch im Kühlschrank, aber nur, weil ich meinen unterfinanzierten Stromverbrauch selbst falsch kalkuliert habe.

Ich muss ja selber wissen, wann ich den Strom am dringendsten brauche und wie lange ich mit dem Geld auskomme – bei 23 Prozent muss ich eben eine Woche im Monat ohne Strom auskommen. Wann ich dann einfach mal kalte Küche mache und die Wäsche von Hand wasche, kann ich dann selbst bestimmen.

Ein kalkulierendes Herangehen ist auch beim zweiten beliebten Vorschlag zur Energieeinsparung gefragt, der da lautet: Investieren und die alten Energiefresser auszutauschen. Neue Elektrogeräte können schließlich „bequem“ auf Kredit gekauft und in Raten gezahlt werden, zumindest von denen, die nicht schon dafür bekannt sind, dass sie solche Kredite nicht zurückzahlen können.

Und plant der Vermieter eine energetische Sanierung, die zu realen Einsparungen bei den Heizkosten führen könnte, dann steht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Mieterhöhung an.

Diese höheren Kosten werden für diejenigen, die im ALG-II-Bezug sind, vom Jobcenter nicht zwingend übernommen. Und von „Arbeitgebern“ schon gar nicht.

Die Kälte ist ständig spürbar in Deutschland, nicht nur in einem warmen November.


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Leserbrief zu Artikel »Warmer November«, UZ vom 20. November 2015





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