Drastische Missverhältnisse

25. November: Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 20. November 2015
Afghanistan führt die Liste der Länder an, in denen das Leben von Mädchen und Frauen besonders bedroht ist. (Foto: United Nations Photo/Eric Kanalstein/ CC BY-NC-ND 3.0)
Afghanistan führt die Liste der Länder an, in denen das Leben von Mädchen und Frauen besonders bedroht ist. (Foto: United Nations Photo/Eric Kanalstein/ CC BY-NC-ND 3.0)

Der 25. November wird von Menschenrechtsorganisationen als Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen begangen. Vor allem Probleme wie Prostitution, sexuelle Gewalt, Sextourismus, Vergewaltigung, Frauenbeschneidung, häusliche Gewalt, Zwangsheirat, weibliche Armut, Frauenmorde oder vorgeburtliche Geschlechtsselektion werden thematisiert.

Anlass für die Initiierung des Aktionstages war der Fall der Schwestern Mirabal, die 1960 in der Dominikanischen Republik unter Diktator Rafael Trujillo von Soldaten verschleppt und ermordet wurden. 1981 riefen bei einem Treffen lateinamerikanischer und karibischer Feministinnen ihnen zu Ehren den Gedenktag aus. Die Vereinten Nationen griffen den Vorschlag 1999 auf.

Eine Studie der Thomson-Reuters-Stiftung nannte 2013 fünf Länder, in denen das Leben von Mädchen und Frauen besonders bedroht ist. Angeführt wird die Liste von Afghanistan. Noch immer sind Frauen dort von Armut, Gewalt und schlechter medizinischer Versorgung betroffen. Platz 2 belegt die Demokratische Republik Kongo, mit 1150 Vergewaltigungen am Tag und schlechten medizinischen Bedingungen, gefolgt von Pakistan: 1000 „Ehrenmorde“ im Jahr, Steinigungen und eine hohe Zahl von Säureattacken. Mit seiner Abtreibungspraxis, der hohen Zahl von Eheschließungen im Kindesalter, Frauenhandel und Fällen häuslicher Gewalt rangiert Indien auf Platz vier. In Somalia, einem der ärmsten Staaten der Welt, stellt die hohe Zahl der Vergewaltigungen eine große Bedrohung dar, hinzu kommt die Praxis der Genitalverstümmelungen, die ca. 95 Prozent der Frauen betrifft.

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter. Sie kann sogar verhindern, dass weibliche Babys überhaupt geboren werden. Als „natürliches Geburtsverhältnis“ gilt das von 105 Jungen zu 100 Mädchen. Eine Studie der UNFPA, des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, von 2012 belegt, dass die „selektive Abtreibung“ in Asien schon 117 Millionen Frauenleben verhindert hat. Allein China und Indien habe sie 85 Millionen (ungeborene) Frauen das Leben gekostet. In China liegt das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen bei 118 zu 100, in einigen Regionen kommen sogar über 130 Jungen auf 100 Mädchen. Weitere drastische Missverhältnisse: In Armenien und Aserbaidschan kommen auf 100 Mädchen derzeit etwa 115 Jungen zur Welt, in Albanien sind es nach aktuellen Geburtenstatistiken 112 Jungen – das sind in etwa „indische Zustände“.

Es handelt sich um eine recht junge Erscheinung, denn erst die moderne Medizin machte die vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung zu einem relativ frühen Zeitpunkt möglich. In der Europäischen Union ist die Praxis offenbar weiter verbreitet als bisher angenommen. Im Oktober 2012 machte der dänische Rundfunk publik, dass seit Jahren schwangere dänische Frauen in Schweden einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen, wenn ihnen das Geschlecht des erwarteten Kindes nicht zusagt. In Schweden ist eine Abtreibung bis einschließlich der 18.Woche erlaubt, in Dänemark bis zur 12.

Demographen warnen vor einer sozialen Zeitbombe. Denn das verzerrte Geschlechterverhältnis wird die Bevölkerungsstruktur dieser Länder in den kommenden Jahrzehnten prägen. Sie befürchten verstärkten Frauenhandel, Zunahme von Prostitution und sexueller Gewalt in den betroffenen Staaten.


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Leserbrief zu Artikel »Drastische Missverhältnisse«, UZ vom 20. November 2015





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