Armut trifft jeden Fünften

Alarmierende Zahlen des Statistischen Bundesamtes
Von Matthias Lindner
|    Ausgabe vom 13. November 2015

Jede fünfte in Deutschland lebende Person ist von Armut bedroht. Dieses alarmierende Ergebnis veröffentlichte kürzlich das Statistische Bundesamt. Damit erreichte die Armut den höchsten Wert der letzten sechs Jahre. Sozialverbände kritisieren, dass der wirtschaftliche Aufschwung an Millionen Menschen vorbeigeht.

Etwa 16,5 Millionen Menschen in Deutschland waren 2014 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, teilte das Statistische Bundesamt vor einer Woche mit. Mit einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 20,6 Prozent erreichte diese Personengruppe einen neuen Höchststand und liegt damit fast auf dem durchschnittlichen Niveau in Europa. Nach den Ergebnissen der Erhebung „Leben in Europa“ lag der Anteil armer oder sozial ausgegrenzter Menschen in der gesamten Europäischen Union mit 24,4 Prozent im vergangenen Jahr nur leicht über dem deutschen.

Laut Untersuchung gilt eine Person als arm oder von sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn mindestens eine von drei definierten Lebenssituationen auf sie zutrifft. So muss ihr Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze liegen, ihr Haushalt muss von erheblicher materieller Entbehrung betroffen sein oder sie lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

Im Detail bedeutet das: Jede sechste Person in Deutschland (16,7 Prozent) war 2014 von Armut bedroht. Das entsprach etwa 13,3 Millionen Menschen. Ein Jahr zuvor machte ihr Anteil „nur“ 16,1 Prozent aus. Nach der EU-Definition gilt eine Person als armutsgefährdet, wenn sie nur über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. Dieser Schwellenwert lag im vergangenen Jahr für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 987 Euro im Monat. Für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren lag er bei 2 072 Euro im Monat.

Fünf Prozent der Bevölkerung Deutschlands war 2014 von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Aufgrund von fehlenden Mitteln waren ihre Lebensbedingungen eingeschränkt. Was so viel heißt, dass sie beispielsweise nicht in der Lage waren, ihre Rechnungen zu bezahlen, ihre Wohnung angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu bezahlen.

In diesen Zahlen sieht der Paritätische Wohlfahrtsverband einen weiteren Beleg dafür, dass Deutschland ein sozial tief gespaltenes Land ist. Die hohe Einkommensarmut in Deutschland sei alarmierend, heißt es in einer Mitteilung. „Wenn bis zu 16,7 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, dem viertreichsten Land der Welt, als arm oder abgehängt gelten, ist das nicht nur ein Verteilungsproblem, sondern ein Verteilungsskandal“, sagte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes.

Wenn immer noch ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sei, so sei das ein unhaltbarer Zustand, heißt es in einer Mitteilung der Volkssolidarität. Die steigende Tendenz belege zudem, dass der wirtschaftliche Aufschwung an Millionen Menschen vorbeigeht. „Auch sinkende Arbeitslosenzahlen helfen da nicht, weil prekäre Beschäftigung nicht vor Armut schützt“, sagte Verbandspräsident Wolfram Friedersdorff. Diese Statistik sei deshalb eine Quittung für das Versagen der Politik bei der Bekämpfung der Armut.

Was diese Entwicklung umkehren könnte, darüber sind sich beide Sozialverbände weitgehend einig. Um die Verteilung von unten nach oben umzukehren, sei eine steuerpolitische Kurskorrektur notwendig. „Wir brauchen wirksame politische Maßnahmen gegen Armut und Ausgrenzung und eine neue solidarische Steuerpolitik, um diese Maßnahmen zu finanzieren“, sagte Schneider. Auch die Volkssolidarität setzt sich für einen nationalen Armutsgipfel ein, „der ein konkretes und verbindliches Sofortprogramm gegen Armut erarbeiten“ soll. Nach den Vorstellungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes müssten dazu die Regelsätze in Hartz IV deutlich erhöht werden und der öffentlich geförderte Beschäftigungssektor für Langzeitarbeitslose ausgebaut werden. Darüber hinaus seien Investitionen in Bildung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen zentral nötig. Um diese Maßnahmen finanzieren zu können, schlägt der Verband unter anderen vor, sehr hohe Einkommen, Vermögen und Erbschaften stärker zu besteuern.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Armut trifft jeden Fünften«, UZ vom 13. November 2015





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.