Nazi als Wachmann im Flüchtlingsheim?

Angebliches Versehen des Jobcenters
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 13. November 2015
Lange Zeit war Borchert Sprecher dieses Neonazi-Treffs in Neumünster. (Foto: Autonome Linke Neumünster)
Lange Zeit war Borchert Sprecher dieses Neonazi-Treffs in Neumünster. (Foto: Autonome Linke Neumünster)

Angeblich war es ein Versehen: unter den 1 500 „Kunden“, denen per Serienbrief ein Arbeitsangebot für einen Job beim Wachschutz im Flüchtlingsheim angeboten wurde, befand sich auch Peter Borchert – einer der gefährlichsten Neonazis dieses Landes. Der ignorierte das Angebot allerdings.

Der 1973 geborene Neonazi mit westfälischen und anatolischen Wurzeln ist in der rechten Szene Norddeutschlands aktiv, seitdem er fünfzehn ist. Bereits als Jugendlicher verbüßte zwei jeweils dreijährige Gefängnisstrafen. Insgesamt saß er zehn Jahre u. a. wegen Körperverletzung, versuchten Totschlags, schwerer räuberischer Erpressung, Waffenhandels und Volksverhetzung im Knast.

Er war eng eingebunden in das Netzwerk der sogenannten „Freien Kameradschaften“ um die Hamburger Neonazikader Christian Worch und Thomas Wulff. Anfangs trat er als Koordinator faschistischer Ordnertrupps auf und beteiligte sich regelmäßig an Aufmärschen der militanten Neonaziszene. Später gehört er selbst zu den Organisatoren diverser Naziaufmärsche, bei denen er oftmals auch als Redner auftrat.

Worch und Wulff, beide bis heute in der Szene aktiv, gehörten zu dem Kreis um den 1999 verstorbenen Michael Kühnen. Im Herbst 1974 gründeten sie im Hamburger „Haus des Sports“ eine Unterorganisation der von US-Neonazi Gary Lauck gegründeten NSDAP-Aufbauorganisation (NSDAP/AO) namens „SA-Sturm Hamburg“. Aus dieser Unterorganisation entstand wiederum am 26. November 1977 die Organisation Aktionsfront Nationaler Sozialisten (ANS). Diese verschaffte sich mit einer medienwirksamen Aktion im Mai 1978 bundesweite Publizität: Mehrere ANS-Mitglieder, darunter neben Kühnen auch Worch und Wulff, liefen mit Eselsmasken und Pappschildern mit der Aufschrift „Ich Esel glaube noch, daß in Auschwitz Juden vergast wurden“ durch den Hamburger Stadtteil Bergedorf. Wulffs jüngerer Bruder René war Heiligabend 1985 am Mord an dem türkisch-stämmigen Migranten Ramazan Avci beteiligt. Dafür wurde er als einer der Hauptangeklagten zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

Borchert war maßgeblich am Aufbau der Kieler Kameradschaft beteiligt, deren Mitglieder den NPD-Kreisverband Kiel-Plön aufbauten, und ihre Macht u. a. durch die Übernahme des Vorsitzes des NPD-Landesverbandes durch Borchert ausbauen konnten. Dieser gehörte zu den radikalsten und gewalttätigsten in Deutschland.

Von 2001 bis zu dessen Schließung 2014 war Borchert Sprecher des Nazi-Treffs „Club 88 – the very last resort“ in Neumünster. Dabei steht die 8 für den achten Buchstaben im Alphabet, das H. „HH“ wiederum steht für „Heil Hitler“. So heißt der Name des Etablissements übersetzt sinngemäß: „Club Heil Hitler, die allerletzte Zuflucht“. Dieser Name ist Programm. Hinter dem „Club“ standen Leute wie die offizielle Betreiberin Christiane Dolscheid, Aktivistin im „Skingirl Freundeskreis Deutschland“. Die Akteure neben ihr rekrutieren sich aus dem Umfeld der so genannten „Freien Nationalisten“. Ob in Flensburg, Hamburg, Kiel oder Rostock: „Club“-Mitglieder wurden bei jedem faschistischen Aufmarsch in Norddeutschland gesehen, wo sie nicht selten Ordnerdienste übernahmen.

Der „Club 88“ war achtzehn Jahre lang ein wichtiges Kernstück in der Kommunikationsstruktur der Neonazi-Szene. Das Brisante ist, dass die Nazi­kneipe nicht nur vermutlich als Ausgangsbasis für neofaschistische Aktivitäten und wahrscheinlich als Umschlagplatz verbotener CDs aus der „Rechtsrock-Szene“ diente, sondern auch als Freizeitangebot für Jugendliche genutzt wurde. Die trafen dort auf die Stammgäste – Kader der organisierten Szene – und würden so in den Sog des braunen Sumpfes gezogen.

Die Strategie „Neonazis bürgernah“ ging auf: Der „Club“ traf bei den Neumünsteraner Jugendlichen auf große Akzeptanz. Die Forderung „Ausländer raus“ teilten viele Kids. „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg und machen sowieso nur Randale“, dieser Satz gehört bei den Jugendlichen in Neumünster-Gardeland zum Standardprogramm. „Cool“ fanden es die Minderjährigen, wenn sie mit einem Bruder oder Arbeitskollegen aufwarten können, der regelmäßig den „Club“ besucht. Bei Auseinandersetzungen mit Migrantinnen und Migranten werden sie dann auch selbst aktiv und stellen sich ohne zu zögern auf die Seite der Neonazis. „Da gab es eine Auseinandersetzung mit den Kurden. War doch klar, dass wir da mitgegangen sind“, erzählte mir 1999 im Rahmen einer Reportage über die Anschläge und Morddrohungen gegen den damaligen Elmshorner IG-Metall Sekretär Uwe Zabel ein etwa 17-jähriger Auszubildender freimütig.

Inmitten dieses rechten Sumpfs also seit Jahrzehnten auch Borchert. Vor einigen Jahren hat er dann auch noch seine Liebe zum Motorradfahren entdeckt: er wurde Mitglied des berühmt-berüchtigten Motorrad-Clubs Bandidos. Die Rocker sind auch keine Kinder von Traurigkeit, und auch in dem Zusammenhang musste Borchert, inzwischen Vize-Chef des am 29. 10. 2010 verbotenen Chapter Neumünster, sich mehrfach wegen verschiedener Gewaltdelikte vor dem Kadi verantworten.

Was in den Medienberichten allerdings meistens untergeht: Hintergrund dieser Verfahren sind Fehden nunmehr verfeindeter ehemaliger brauner Kameraden, von denen die einen bei den Hells Angels, die anderen bei den Bandidos unter gekommen sind. Zu letzteren zählen neben Borchert u. a. Tim Bartling, einer der ehemaligen Betreiber des Club 88 sowie Alexander Hardt, eine Größe in der schleswig-holsteinischen Neonazis-Szene, z. B. „Combat 18“ (Kampfgruppe Adolf Hitler). Dabei wiederum handelt es sich um eine rechte Terrorgruppe, deren Name erstmals 1999 im Zusammenhang mit den Anschlägen auf Zabel auftauchte.

Zu „Combat 18 Pinneberg“ gehörte auch Klemens Otto, ebenfalls eine langjährige Größe in der norddeutschen rechten Szene. Gerüchten zufolge soll er jedoch der Szene abgeschworen haben. Der Motorradclub „Hells Angels“ soll ihm durch eine Arbeitsmöglichkeit in einem Tattoo-Studio in Neumünster eine Ausstiegschance geboten haben, wird in den Medien gemunkelt. Daran hegten die Antifaschistischen Nachrichten indes angesichts eines 2007 von Otto durchgeführten Boxevents berechtigte Zweifel: Auf der Teilnehmerliste waren die Namen mehrerer (Ex)-Spezis aus der Neonazis-Szene zu lesen. Auch im Hinblick auf die teilweise sehr engen Verbindungen zwischen Neonazis, Teilen der Kampfsportszene, gewalttätigen Motorradclubs und einschlägigen Tattoo-Studios scheint die Läuterung des wegen Körperverletzung vorbestraften Otto fragwürdig.

Borchert und Otto sind verfeindet, weil Otto angeblich im Rahmen eines Prozesses Informationen über Borchert preis gegeben haben soll. Das hat schon vor Borcherts Rocker-Karriere dazu geführt, dass die braunen Kameraden sich mit den Hells Angels angelegt haben. Später hat er seine Privat-Fehde dann mit den Bandidos offenbar weiter geführt. Derzeit läuft ein Prozess vor dem Landgericht Kiel, der auf das Jahr 2009 zurück geht, und bei dem auch Borchert auf der Anklagebank sitzt. Und wieder wird ihm schwere Körperverletzung zur Last gelegt …


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Leserbrief zu Artikel »Nazi als Wachmann im Flüchtlingsheim?«, UZ vom 13. November 2015





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