Heimatvertriebene

Ein Kommentar von Lothar Geisler
|    Ausgabe vom 30. Oktober 2015

Was, verdammte Hacke, ist so schwer daran zu begreifen, dass Menschen ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben haben und ein Recht auf Schutz desselben? Und warum sagen Frau Merkel, Herr Seehofer & Co nicht einfach wieder „Heimatvertriebene“ statt „Flüchtlingskrise“ und „Asylanten(-Flut)“? Ich wäre sehr dafür. Das mobilisiert – trotz allem politischen Schindluder, das in den Nachkriegsjahrzehnten mit dem Begriff getrieben wurde – doch traditionell eine Menge Empathie, Verständnis und Einfühlung in die Situation derer, um die es geht. Gerade in Deutschland und zumindest beim CDU/CSU-Anhang.

Begriffe sollen -wenigstens aus unserer Sicht- helfen, zu begreifen. „Heimatvertrieben“ macht zumindest begreifbar: Es sind äußere Umstände, die Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen, weil ihnen dort das (Über-)Leben unmöglich gemacht wird. Niemand verlässt Freunde, Familie und Heimat freiwillig und ohne Not. Begriffe, die mit „…linge“ enden oder „…anten“, verschleiern das doch eher und scheinen mir zudem – und sei es nur gedankenlos – aus dem Repertoire entliehen, das Victor Klemperer die „Sprache des Dritten Reiches“ nannte.

Aber klar doch! Wir leben heute nicht im „Dritten Reich“, haben eine andere Begriffswelt. Ob aber der inhumane Sprachverfall (und nicht nur der!) in unserem Staate heute geringer ist, – da darf man auch angesichts der aktuellen „Flüchtlingskrise“ ein dickes Fragezeichen setzen. Ich denke da – nur um ein Beispiel zu nennen – an die perverse Idee, ausgerechnet Erdogans Türkei sprachlich und juristisch zu einem „sicheren Herkunftsland“ umzudefinieren, damit man Heimatvertriebene z. B. aus Syrien schneller und guten Gewissens wieder dorthin abschieben kann. Und wieso überhaupt „Krise“?

Die Größe der globalen Vertriebenenströme ist so hinlänglich bekannt wie die Ursachen der Vertreibung. An erster Stelle: Krieg in all seinen Formen, auch als alltäglicher (Frei-)Handelskrieg der großen, transnationalen Exportweltmeister. Insofern sind auch die Verursacher bekannt, mit Namen und Adresse. Das sind vor allem die Rüstungskonzerne und -exporteure, die in jeder Krisenregion auch noch im letzten Winkel dieser Welt ihren Reibach mit Tod und Zerstörung machen. Da sind auch die europäischen und US-amerikanischen Agrar- und Nahrungsmittelkonzerne die mit ihrer Geschäftspolitik z. B. in Afrika die Existenzgrundlagen der Landbevölkerung zerstören. Hier eine Politikwende erkämpfen – gegen Krieg, Ausbeutung und Unterentwicklung – heißt, auch das „Flüchtlingsproblem“ wirklich an der Wurzel packen. Das mag angesichts der Kräfteverhältnisse in der Welt, in Europa und in unserem Land utopisch erscheinen und keine aktuelle Lösung für heutige Heimatvertriebene sein.

Aber was wäre z. B. mit der Idee – auf dem Weg dahin – dafür zu kämpfen, dass die Verursacher der millionenfachen Vertreibung, z. B. die Rüstungs-, Agrar- und Lebensmittelkonzerne für die Folgen ihres Tuns bezahlen? Sozusagen sich mit einer „Heimatvertriebenensteuer“ auf ihre satten Profite an der Finanzierung von Unterbringung, Unterhalt und Integration der Opfer ihrer Politik in ihrer neuen Heimat bei uns beteiligen? Aber auch auf die Idee kommen Frau Merkel, Herr Seehofer & Co bestimmt nicht von alleine.

Vorabdruck aus Marxistische Blätter 6_2015


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