Interview

Armut bekämpfen. TTIP verhindern. Streiks branchenübergreifend führen!

Herbert Schedlbauer im Gespräch mit Albert Flock, Marc Koppe, Helmut Born, Alexandra Willer
|    Ausgabe vom 25. September 2015

UZ: Wie sind deine Erwartungen zum ver.di Bundeskongress?

Albert Flock ist Delegierter aus dem ver.di-Landesbezirk NRW

Albert Flock ist Delegierter aus dem ver.di-Landesbezirk NRW

Albert Flock: Meine Erwartungen sind hoch. Besonders darin, wie es weiter geht in Richtung Sozial- und Erziehungsdienst. Aber auch, was meine Organisation konkret gegen neue und alte Nazis macht. Wie man der zunehmenden Armut auf dieser Welt begegnen will. Für mich alles sehr wichtige Dinge.

UZ: Dazu gehört doch sicherlich auch TTIP. Wie siehst du die Vorbereitungen beim Widerstand gegen das Handelsabkommen TTIP?

Albert Flock: Für die Großdemons­tration am 10. Oktober werden wir uns alle noch kräftig anstrengen müssen. Positiv sehe ich, dass ver.di zu den Gewerkschaften gehört, die nach Berlin mobilisieren und auch die Infrastruktur gemeinsam mit dem DGB schafft, indem Busse organisiert werden. Wenn nach diesem Kongress die Delegierten nach Hause fahren, müssen die Tage genutzt werden. Auch dies muss hier diskutiert werden.

UZ: Was ist aus deiner Sicht noch erforderlich?

Albert Flock: Erwartungen habe ich auch beim Thema „Gute Arbeit“ Die sehe ich ganz stark im Zusammenhang mit der zunehmenden Altersarmut. Denn „Gute Arbeit“ darf nicht getrennt gesehen werden von einer guten Rente, die zum Leben ausreicht. Deshalb muss auch die prekäre Beschäftigung abgeschafft werden. So erwarten zum Beispiel 43 Prozent der Frauen, dass sie mit ihrer Rente nicht auskommen werden.

UZ: Du bist als Vertreter der ver.di Jugend auf diesem Bundeskongress. Wo siehst du die Schwierigkeit, Jugendliche für die Gewerkschaft zu begeistern?

Marc Koppe: Wir haben zu wenig Jugendliche bei ver.di. Hier besteht starker Nachholbedarf. Bei den guten Ansätzen, die ja in vielen Fachbereichen sichtbar werden, dürfen wir nicht nachlassen.

UZ: Neue Mitglieder können geworben werden, wenn man an tagesaktueller Politik ansetzt. Wie siehst du den Kampf gegen Rassismus und welchen Beitrag leistet die ver.di Jugend dazu?

Marc Koppe aus dem ver.di Bezirk Aachen/Düren/Erft ist ein Vertreter der ver.di Jugend auf dem Bundeskongress

Marc Koppe aus dem ver.di Bezirk Aachen/Düren/Erft ist ein Vertreter der ver.di Jugend auf dem Bundeskongress

Marc Koppe: Gerade die aktuelle Situation macht es notwendig, dass wir erklären, warum man jeglicher Art von Rassismus entgegentreten muss. Es ist für einen Gewerkschafter eine Verpflichtung, darüber aufzuklären, warum die Menschen flüchten und was die Ursache dafür ist. ver.di fühlt sich dazu verpflichtet. Das zeigte sich bereits auf der Eröffnungsveranstaltung des Bundeskongresses am Sonntag. Jetzt müssen wir erreichen, dass sich auch die Politik klar dazu äußert und handelt.

UZ: Die Jugend organisiert, ähnlich wie die Gewerkschaft ver.di, zur Demonstration gegen TTIP und CETA.

Marc Koppe: Es haben schon mehrere kleinere Demonstrationen stattgefunden. Jetzt mobilisieren wir nach Berlin. Da bin ich zuversichtlich, dass auch die Jugend sich daran gut beteiligen wird. Die Vorbereitungen laufen. Ich hoffe, dass unsere Politiker sich noch bewegen.

UZ: Mit welcher Zielsetzung bist du nach Leipzig gekommen?

Helmut Born: Für mich ist wichtig, dass ver.di gewerkschaftliche und politische Inhalte, die teilweise ja im DGB häufig umstritten sind, verteidigt. Das ist unsere grundsätzliche Haltung zu TTIP, Tarifeinheit, wie verhält man sich gegenüber Unternehmerverbänden, die offen Tarifbruch betreiben, dies alles muss diskutiert werden. Nötig ist auch eine Debatte über die Misserfolge in diesem Jahr, trotz der großen Unterstützung in der Bevölkerung. Hierzu zähle ich den Poststreik. Aber auch das Zwischenergebnis im Sozialarbeiter und Erzieherstreik, mit der so richtigen Forderung der Aufwertung in dieser Branche. Da brauchen wir auf dem Kongress eine positive Auswertung und wie wir weitermachen. Wie die Streiks verschärft werden können. Dazu brauchen wir in ver.di eine wirklich breite Diskussion der Streikenden, aller Ehrenamtlichen.

UZ: Gehen deine Überlegungen auch in die Richtung, wie diese ver.di fachgruppenübergreifend Arbeitskämpfe nunmehr angeht?

Helmut Born ist Betriebsrat bei Kaufhof Düsseldorf

Helmut Born ist Betriebsrat bei Kaufhof Düsseldorf

Helmut Born: Das ist ja eine unendliche Geschichte bei ver.di. Ich kann mich noch daran erinnern, als die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen in ver.di aufging. Da wurde uns erzählt, wir könnten die ganze Republik lahmlegen. Jetzt ist die Entwicklung eine völlig andere. Jeder Bereich kämpft immer noch für sich. Das muss zusammengebunden werden, damit einfach mehr Schlagkraft entsteht. Ich stelle mir zum Beispiel vor, wenn jetzt der Arbeitskampf bei den Erziehern wieder aufgenommen wird, dies zu einer Gesamtaufgabe von ver.di wird. Darüber hinaus muss auch vom DGB dazu Solidarität kommen.

UZ: Du bist Delegierte hier auf dem Bundeskongress. Welche Eindrücke hast du bisher bekommen? Was müsste nach deiner Meinung unbedingt hier besprochen werden?

Alexandra Willer ist Personalrätin im Universitätsklinikum Essen

Alexandra Willer ist Personalrätin im Universitätsklinikum Essen

Alexandra Willer: Es hat sich ja Montag schon gezeigt bei den Wortmeldungen der Ehrenamtlichen zum Rechenschaftsbericht, dass die Streiks der letzten Monate ein großes Thema sind. Es wurde darüber berichtet, wie schwierig es ist seine Haut so gut zu verkaufen. Die Arbeitgeber schrecken nicht mehr davor zurück, auch illegale Methoden zu praktizieren wie die Ausgliederungen bei der Post. Ich bin der Auffassung, dass sich die Gewerkschaften deshalb neu aufstellen müssen. Neue Kampfmaßnahmen entwickeln sollten. Die Idee, dass sich die Beschäftigten einer Branche alleine gegen die in der Krise befindlichen Unternehmer wehren können, wird nicht funktionieren. Ich glaube gerade ver.di mit dreizehn Fachbereichen und mit so vielen Branchen und Betrieben muss bei Arbeitskämpfen umschalten. Verstehen, dass Tarifauseinandersetzungen nicht mehr nur fachbezogen erfolgreich geführt werden können. Weil die Unternehmer zunehmend aggressiv werden.

UZ: Bedeutet das, dass Streiks und Ausstände gegenüber dem Kapital fachbereichsübergreifend geführt und in der Gewerkschaft durch die Basis diskutiert werden müssen?

Alexandra Willer: Das ist genau auf den Punkt gebracht. Dafür muss hier in Leipzig gestritten und gerungen werden. Wenn wir wieder in die Betriebe fahren, mit unseren Kolleginnen und Kollegen besprochen werden.


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