Bechstein versilbert

Eine Glosse von Uwe Koopmann
|    Ausgabe vom 28. August 2015
 (Foto: Bettina Ohnesorge)
(Foto: Bettina Ohnesorge)

Auf den weltberühmten Flügeln der C. Bechstein Pianofortefabrik AG Berlin haben die bekanntesten Musiker aller Stilrichtungen die Werke herausragender Komponisten gespielt: Von Johann Sebastian Bach bis zu den Beatles, von Freddie Mercury bis Konstantin Lifschitz. Gespielt wurde in den Abbey Road Studios in London wie in der Berliner Siemensvilla. Bei allen Konzerten stand – mit spektakulärem Ambiente – die Musik im Mittelpunkt.

Bei Franzen an der Kö, einem renommierten „Fachgeschäft für höchste Qualität“, das sich dem Verkauf von Porzellan, Bestecken und Trinkgläsern widmet, stand jetzt nicht mehr der Vortrag der Musik im Fokus des Interesses, sondern das Instrument. An der Königs­allee 42 wurde jetzt das „Carl Bechstein Sterling Grand Piano“ präsentiert.

Das feine Instrument wurde mit sechs Kilo reinstem Sterling-Silber aufgehübscht. Dadurch entstand ein Verkaufspreis von 170 000 Euro. Der Preis für den „normalen“ B-212 Flügel ist so dezent, dass er in der Internet-Präsentation von Bechstein nicht kompakt ausgedruckt ist, wohl aber die Transportkostenpauschale ab Manufaktur bei „Anlieferung parterre“: 990,00 Euro. Diese Summe lässt sich durch ein Trinkgeld für die Träger aufrunden.

Bechstein hat den Klassencharakter bei der Herstellung seiner Tastenins­trumente begriffen. In Seifhennersdorf (Sachsen) kaufte das Unternehmen nach dem unmusikalischen Krebsgang der Geschichte die etwa 200 Klavierbauer des VEB Deutsche Piano Union. Der Standort verfügt über qualifiziertes Personal und ein Lohnniveau, das nach Angaben aus der Chefetage „sehr erträglich“ sei. Alles andere wäre kontraproduktiv, und Protest wäre Kakophonie.

Bechstein war mit dieser Unternehmerdenke schon immer in den Zirkeln der Macht verwoben, am schlimmsten in der Zeit vor und während des Faschismus. Helene Bechstein aus Düsseldorf, Schwiegertochter von C. B., vermittelte Hitler den Eintritt in die feine Berliner Gesellschaft. Die Familie half ihrem Heroen mit großen Geldsummen. Wegen dieses Engagements wurde das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg von den US-Amerikanern bis 1951 konfisziert. Die Silberschmiede von Robbe & Berking, die den B-212 versilberte, hatte ihre ganz eigene Erfahrung mit den Nazis: Statt feiner Silberbestecke zu fertigen, mussten in Flensburg Heeresabzeichen und Verdienstkreuze gestanzt werden. – Aber mit dieser Petitesse werden die Besucher auf der Kö nicht behelligt.


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