„Werben fürs Sterben“

Die Militarisierung der Kieler Woche
Von Birgit Gärtner
|    Ausgabe vom 19. Juni 2015
Marinehafen in Kiel (Foto: Bundeswehr/Christian O. Bruch)
Marinehafen in Kiel (Foto: Bundeswehr/Christian O. Bruch)

Die Kieler Woche gilt als eines der größten Segelsportereignisse der Welt. Alljährlich in der letzten Woche im Juni lockt sie mehrere Millionen Besucherinnen und Besucher an. Seit vielen Jahren bietet die Kieler Woche ein umfangreiches Programm mit über 2 100 Einzelveranstaltungen, unter anderem Auftritte internationaler Künstlerinnen und Künstler, die in rund 300 Konzerten auf 16 Bühnen Live-Musik bieten. Daneben gibt es auf kleineren Bühnen Darbietungen zahlreicher lokaler Gruppen. Der NDR hat dort ebenso eine Live-Bühne wie andere lokale Radio-Sender.

Entlang der Hafenpromenade an der Kieler Förde und auf dem Willy-Brandt-Ufer sind Bühnen und Stände aufgebaut, auf dem Rathausplatz und in der Fußgängerzone werden auf dem sogenannten „Internationalen Markt“ Spezialitäten verschiedener Länder angeboten. Es finden verschiedene Kulturveranstaltungen statt. Für Kinder gibt es ein spezielles Programm auf der Spiellinie.

Seit 1948 wirbt alljährlich ein Kieler-Woche-Plakat für die Festwoche. Deren Design ist laut Wikipedia „ein weiteres Beispiel für die kulturelle Positionierung und visuell-gestalterische Tradition der Kieler Woche“.

Der damalige Kieler Oberbürgermeister Andreas Gayk (SPD) formulierte den Anspruch der Kieler Woche 1948 folgendermaßen: „Über alle Grenzen der Nationen und Parteien hinweg soll die ‚Kieler Woche’ uns ein Gemeinsames geben: Das Bekenntnis zur Humanität, das Bekenntnis zur Menschlichkeit und das Bekenntnis zum Frieden.“

Das alles klingt doch nach einem netten Happening mit hohem Spaßfaktor für jeden Geschmack – egal ob Segelsport-Begeisterte, Kunst – und Kultur-Interessierte, Familien, die ultimative Afterworkparty im Kreis der Kolleginnen und Kollegen, oder, oder, oder …

Doch mit dem Sport ist es so eine Sache, dem Segelsport zumal. Schon längst laufen neben Schiffen von Vereinen und Initiative sowie privaten Yachten alljährlich auch Kriegsschiffe ein. In diesem Jahr werden 30 Kriegsschiffe mit 3 000 Soldatinnen und Soldaten an Bord erwartet.

Im Rahmen der Kieler Woche veranstaltet die Uni Kiel, bzw. das dort angesiedelte „Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel“ (ISPK) in Zusammenarbeit mit einem Exzellenzzentrum der NATO, erstmals die „Kiel-Conference“ – quasi das maritime Gegenstück zur Münchner Sicherheitskonferenz. In geschlossener Runde diskutieren dabei Vertreter aus Militär, Industrie, Wissenschaft und Politik darüber, wie im Ostseeraum Krieg mit Minen geführt werden könne.

Damit wird die Kieler Woche immer mehr zur Kriegs-Show, in deren Rahmen die größten NATO-Manöver in der Ostsee seit Ende des Kalten Krieges stattfinden.

„War starts here“ auf der Gorch Fock gehisst.

Ein breites Bündnis hat sich zusammengeschlossen, um dagegen zu protestieren. „Wir wollen, dass die Kieler Woche nicht dem Krieg dient, sondern sich an dem orientiert, was der Kieler Oberbürgermeister Andreas Gayk 1948 formulierte“, heißt es in dem Aktions-Aufruf, der u. a. vom DGB, Antirassistische Initiative Kiel, AStA CAU, Attac Kiel, Bündnis gegen Rechts Neumünster, DFG-VK Hamburg/Schleswig-Holstein und Mittleres Mecklenburg, „Die Linke“ Schleswig-Holstein, SDAJ Kiel und VVN-BdA Kiel unterstützt wird.

Im Vorfeld finden verschiedene Diskussionsveranstaltungen statt, und für den 23. 6. 2015 ruft das Bündnis zu einer Demonstration unter dem Motto „War starts here“ auf.

Am vergangenen Wochenende fand in Flensburg die erste öffentlichkeitswirksame Aktion im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Kiel-Conference statt: Im Rahmen der Aktion „1. Tag der Bundeswehr“ lud das Kriegs-Segelschulschiff „Gorch Fock“ zur Besichtigung ein. Das lockte Tausende Interessierte an. Unter die mischten sich Aktive einer anti-militaristischen Gruppe, die es schafften, am Mast des Kriegs-Schulschiffs ein Transparent mit der Aufschrift „War starts here“ zu hissen. Das war zum einen eine Aktion gegen das als familienfreundliche Jubelshow verpackte „Werben fürs Sterben“, aber eben auch als Protest gegen die „Kiel-Conference“ gedacht.

 


WAR STARTS HERE – Keine Kriegs-Konferenz in Kiel!“ Demonstration/Dienstag, 23. Juni 2015, Auftaktkundgebung: 15 Uhr Universität (Westring/Olshausenstr.)/Demostart: 16 Uhr.

Infos unter: http://warstartsherekiel.noblogs.org/


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