Interview

„Dass ein Arbeitskampf über Wochen gehen kann, ist man hier nicht gewöhnt“

Das Gespräch führte Lars Mörking
|    Ausgabe vom 5. Juni 2015

UZ: Wie wirkt sich der Streik im Sozial- und Erziehungsdienst auf Eltern tatsächlich aus?

Anna Cordi: Betroffen sind wir auf jeden Fall. Wenn beide Eltern berufstätig sind, hängt es stark davon ab, wie gut man vernetzt ist, ob es Familie in der Nähe gibt, gibt es Möglichkeiten der Absprache mit den Chefs, ist Gleitzeit möglich usw.

Aus meinem Umfeld kenne ich niemanden,der dieses Notbetreuungsplätze in Anspruch nimmt. Die sind eher nicht ausgelastet. Was von Anfang an sehr gut funktioniert hat, das kenne ich aus eigener Erfahrung, ist, wenn Eltern sich untereinander abgesprochen haben. Weil es schon einige Eltern gibt, die aus verschiedenen Gründen zu Hause sind und die auch bereit sind, zusätzlich auf ein oder zwei weitere Kinder aufzupassen. Das halte ich auch für die sinnvollste Variante, die Streikzeit zu überbrücken.

Mir ist niemand bekannt, auch wenn das in den Medien immer wieder so kolportiert wird, die Geld in die Hand nehmen mussten und sich Babysitter oder Au-Pair-Junge bzw. -Mädchen geholt haben. Das halte ich auch für unrealistisch, das so kurzfristig zu machen. Da kenne ich niemanden und ich wüsste auch nicht, wie das funktionieren sollte.


UZ: Wie fühlst du dich informiert über den Streik? Wie läuft die Kommunikation mit den Streikenden?

Anna Cordi: Während der Streikphase gibt es keinen Austausch, die Streikenden sind ja nicht da und die Einrichtung ist geschlossen. Wir waren aber im Vorfeld immer informiert, da ist nichts vom Himmel gefallen. Schon vor dem Streik gab es Aushänge, extra einberufene Elternabende – ich finde schon, dass die sich in Sachen Kommunikation mit den Eltern bemüht haben, die Eltern mit Informationen zu versorgen. Auf der Elternseite haben wir sehr aktiv die Informationen über den Streik, über die Gründe für den Streik, verbreitet.


UZ: In Gesprächen mit Eltern kommt immer wieder heraus, dass die Stimmung unter den Eltern anfangs sehr solidarisch war und jetzt aber zu kippen droht. Was ist Dein Eindruck?

Anna Cordi (DKP) ist Mitglied im Elternbeirat einer Stuttgarter Kita

Anna Cordi (DKP) ist Mitglied im Elternbeirat einer Stuttgarter Kita

Anna Cordi: Den Eindruck habe ich auch. Wir haben in Stuttgart jetzt das Glück – was andere Bundesländer nicht haben – dass die zwei Wochen ausgesetzt haben. Aber mein Eindruck ist schon, dass Eltern die mit dem Streik verbundenen Einschränkungen auf Dauer stark spüren und davon ausgegangen sind, dass das einfach alles schneller geht.

Die Auseinandersetzung wurde vorher nicht als Arbeitskampf wahrgenommen, sondern als etwas, was zu einer Tarifrunde irgendwie dazugehört. Aber dass so ein Arbeitskampf auch wirklich mal über Wochen gehen kann, das ist man hier einfach nicht gewöhnt.

 

UZ: Wie findest Du den Beschluss, dass durchgängig und unbefristet gestreikt werden soll, bis ein Ergebnis vorliegt?

Anna Cordi: Das ist schwer zu sagen. Für die Akzeptanz unter den Eltern ist es schwierig. Ich stehe voll und ganz hinter dem Streik, weiß aber auch, was es bedeutet, wenn vier bis sechs Wochen überbrückt werden müssen.

Und die Frage ist, ob das noch steigerbar ist, wenn jetzt kein Einlenken von den Arbeitergebern kommt. Wie dann die gewerkschaftliche Strategie angepasst werden kann, das stelle ich mir kompliziert vor. Die Arbeitergeber können sich aber nur leisten so hart zu bleiben, weil die ErzieherInnen mit ihrem Kampf derzeit noch allein auf weiter Flur sind.

 

UZ: Gibt es vielleicht auch die Sorge, dass die Eltern über die Gebühren die höhere Eingruppierung von ErzieherInnen bezahlen müssten?

Anna Cordi: Zumindest in den Gremien der Elternvertretungen spielt die Frage der Finanzierung eine geringe Rolle, weil dort in der Regel Menschen sitzen, die nicht so genau rechnen müssen und sich weniger an den Gebühren stoßen als beispielsweise an der Qualität des Essens.

 

UZ: Und wie ist die Qualität der Betreuung?

Anna Cordi: Jede Kommune macht im Prinzip, was sie will. Den Stellenwert, den Bildung auch bei Kleinkindern haben müsste, hat sie nicht. Es gibt eine sehr künstliche Trennung zwischen dem was als Erziehung – oder im schlimmsten Fall als Verwahrung – der Kinder in der Kita passiert und dem, was dann später in der Schule passieren soll.

Eltern, die Wert auf eine frühkindliche Bildung legen, kaufen diese teuer ein, zum Teil privat. Der Nachteil, den Kinder aus der Arbeiterklasse haben, kann dann in der Grundschule eigentlich schon nicht mehr aufgefangen werden; wenn man sich nicht selbst darum kümmert und darauf besteht, dass das eigene Kind diese Möglichkeit bekommt, ab einem Jahr auch mit anderen Kindern gemeinsam zu lernen.

Bildungsforscher weisen ja darauf hin, dass im Alter von sechs oder sogar schon von drei Jahren, wenn viele in die Betreuung kommen, schon viel vertan wurde. Wenn man tatsächlich sagen würde, es geht um eine frühkindliche Bildung, die mit dem Rechtsanspruch ab einem Jahr besteht, dann wären die Unterschiede im ersten Schuljahr auch bei weitem nicht so hoch; und es würde den Kindern wesentlich leichter fallen, bestehende Unterschiede aufzuholen.

Den Bereich der frühkindlichen Bildung aufzuwerten ist auf jeden Fall richtig und wichtig.


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