„Illegale Festsetzung und Überführung eines Kriegsgefangenen“, „Verweigerung des Rechts auf ein faires Verfahren“ sowie „Unmenschliche und erniedrigende Behandlung“ – in diesen Anklagepunkten soll einem der Verschwörer zum Mord an Patrice Lumumba, dem ersten Ministerpräsidenten der Republik Kongo, der Prozess gemacht werden. Angeklagt ist der Graf Étienne Davignon, pensionierter Diplomat und früherer EU-Kommissionsvizepräsident. Er ist der letzte Überlebende der elf Männer, gegen die die Kinder Patrice Lumumbas bereits im Jahr 2011 in Belgien geklagt hatten. Obwohl Davignons Anwälte alles taten, um den Prozess zu verschleppen, wird der 93-jährige Aristokrat im kommenden Jahr auf der Anklagebank sitzen. Wenn er zum Prozessauftakt denn noch lebt.
Die von den Kindern Lumumbas ebenfalls vorgebracht Anschuldigung, dass Davignon als Vertreter der ehemaligen Kolonialmacht Belgien aktiv in den Mord an Lumumba verstrickt war, brachte die Staatsanwaltschaft allerdings nicht zur Anklage. Stattdessen beruft sie sich darauf, dass Davignon als junger Diplomat im Praktikum in Léopoldville, der heute Kinshasa heißenden Hauptstadt des Kongo, Kenntnis vom Plan zur Verhaftung Lumumbas hatte, der zu seiner Ermordung in Katanga führte.
Belgien hatte als Kolonialmacht im Kongo grausam geherrscht – erst über ein Land in der Hand der belgischen Krone (den sogenannten „Freistaat Kongo“) und dann – nach Enthüllungen über die als „Kongogräuel“ in die Geschichte eingegangenen Massaker – über ein Land im „Besitz“ des belgischen Staates – das sogenannte Belgisch-Kongo. Doch mit dem „Afrikanischen Jahr“ 1960 war auch für den Kongo die Unterjochung durch die europäischen Kolonialherren vorbei. Das lag vor allem an Patrice Lumumba (siehe UZ vom 27. Juni 2025).
Aus den ersten Wahlen vom 25. Mai 1960 geht Lumumbas Partei als stärkste politische Kraft hervor. Als der Kongo am 30. Juni 1960 seine Unabhängigkeit erlangt, wird Lumumba – trotz großen Widerstandes der weißen Siedler und der führenden Oberschicht des Landes – erster Ministerpräsident der Republik Kongo. Doch Belgien will die Kolonie nicht widerstandslos gehen lassen. Der redegewandte, charismatische Ministerpräsident musste weg – anders konnte die neokoloniale Unterjochung im Kongo nicht durchgesetzt werden. Und da er sich weder kaufen noch verunglimpfen ließ, musste Lumumba sterben. Er wurde verhaftet, was folgte, waren unmenschliche Folter und der Versuch, die Person Patrice Lumumba und ihr Ansehen in der Öffentlichkeit zu zerstören. Lumumba wurde geschlagen und blutig, in zerrissener Kleidung und seiner Brille beraubt, ohne die er kaum sehen konnte, zur Schau gestellt. Er agitierte in der Haft weiter. Belgien, die USA und Britannien befürchteten einen Aufstand – und handelten.
Am 17. Januar 1961 starb Patrice Lumumba durch mehrere Schüsse. Seine Leiche wurde zerstückelt und in Säure aufgelöst. Keine Spur sollte bleiben von dem Mann, der den Kongo in die Unabhängigkeit geführt hatte. Das Land fiel in die Hände einer Kompradorenbourgeoisie.
Der seit Dienstag vergangener Woche in Belgien angeklagte Aristokrat Étienne Davignon hatte 1960 schriftlich darauf hingewiesen, dass Lumumba „zu entfernen“ sei – er stehe den Plänen Belgiens im Kongo im Weg. Wie genau und wie detailliert er an dem Mord am ersten Ministerpräsidenten des freien Kongo beteiligt war, werden die Gerichte in Belgien vermutlich auch 65 Jahre nach der Tat nicht ermitteln können. Dass daran auch kein gesteigertes Interesse besteht, zeigen die Anklagepunkte. Und doch ist der Prozess gegen Étienne Davignon ein Erfolg. Er setzt die belgischen Kolonialverbrechen wieder auf die Tagesordnung und zeigt die neokolonialen Interessen Europas an Afrika auf. Und er beleuchtet den Charakter der Europäischen Union, in der ein ein Mordkomplott schmiedender Kolonialherr Kommissionsvizepräsident sein durfte.









