Generalstreik gegen die Faschisten

Mössingen, 31. Januar 1933
Von Lothar Letsche
|    Ausgabe vom 2. Februar 2018

Mössinger Kommunisten auf einer Demonstration in Tübingen 1932

Mössinger Kommunisten auf einer Demonstration in Tübingen 1932

( Stadtarchiv Mössingen)

Ein Dorf 15 km südlich von Reutlingen und Tübingen, am Rande der Schwäbischen Alb, schrieb mit einem Generalstreik gegen Hitler Geschichte. Die KPD hatte aufgerufen, die Machtübertragung an Hitler mit einem Massenstreik zu beantworten. In Mössingen wurde der Aufruf tatsächlich befolgt. Die Beschäftigten dreier Textilbetriebe legten die Arbeit nieder und demonstrierten mit 800 Menschen durch den Ort.
Am Abend des 30. Januar 1933 fand eine von der KPD einberufene Versammlung mit 200 Beteiligten statt. Am folgenden Morgen wurde der Aufruf zum Massenstreik vor den Betrieben verteilt. Als erste fasste die Belegschaft der Firma Pausa den Streikbeschluss. Deren jüdische Inhaber Artur und Felix Löwenstein – wenig später selbst von den Nazis verfolgt und vertrieben – gaben den Arbeiterinnen und Arbeitern frei. Jakob Textor (1908–2010) hisste am Kamin von Pausa die rote Fahne. Kurz nach 12 Uhr formierte sich der Demonstrationszug mit dem mehrere Meter breiten Transparent „Heraus zum Massenstreik.“ Auf der Kundgebung sprach der KPD-Unterbezirksleiter Fritz Wandel (1898–1956). Der Textilfabrikant Merz rief die Reutlinger Schutzpolizei an. Sie rückte gegen die 800 Demonstrierenden mit Pistolen und Gummiknüppeln bewaffnet vor und sperrte die Straße. Angesichts dieses massiven Einsatzes der Staatsmacht und in der Erkenntnis, dass an anderen Orten keine solchen Streiks stattfanden, wurde die Aktion am gleichen Tag beendet.
Es folgten Verhaftungen. Gegen 98 Männer und 4 Frauen wurde wegen Aufruhrs, Rädelsführerschaft, Hochverrats, Haus- und Landfriedensbruchs Anklage erhoben. Paul Ayen floh in die Schweiz, kämpfte in Spanien in den Internationalen Brigaden. Viele wurden verurteilt. In einem von der VVN unterstützten Wiedergutmachungsprozess traf das Tübinger Landgericht 1954 die bemerkenswerte Feststellung, das Mittel des Generalstreiks, hätte es sich flächenweit durchgesetzt, „wäre ein geeignetes Mittel gewesen, um die eben erst an die Macht gelangte Hitlerregierung zum Rücktritt zu zwingen.“
Warum gelang gerade hier die anderswo fehlende einheitliche Aktion der Arbeiterbewegung? Obwohl der Arzt, Schriftsteller Friedrich Wolf, (1888–1953) in seinem 1932 entstandenen Agitprop-Stück „Wie stehn die Fronten?“ ausgerechnet am Beispiel einer Auseinandersetzung im (etwas verfremdeten) Pausa-Werk in Mössingen die RGO-Politik propagierte? Die Verankerung der KPD-Mitglieder in damals noch der Arbeiterbewegung zuzuordnenden örtlichen Vereinen, (Sport, Musik, Konsum usw.) spielte eine wesentliche Rolle. Kommunist/inn/en waren selbstverständlich mit anderen, auch sozialdemokratischen, Arbeiterinnen und Arbeitern am Bau der Turnhalle und dem genossenschaftlichen Wohnungsbau beteiligt. Beim Festhalten des Sozialismus als Ziel setzten sie sich konsequent für Verbesserungen der Arbeits– und Lebensumstände der Menschen vor Ort ein. Sie waren „keine Fremdkörper,“ auf sie war Verlass. Auch in den Wahlergebnissen schlug sich der starke Einfluss der KPD nieder.
Nach dem 2. Weltkrieg war das völlig anders. Die KPD war auch hier isoliert und erneuter Verfolgung ausgesetzt. Jahrzehntelang war es nur die VVN und später auch die Tübinger DKP, die die Erinnerung an den Mössinger Generalstreik hoch hielt.
Doch der Mössinger Generalstreik besitzt weit mehr als nur lokale Bedeutung. 1983 bewegte sich „eine unübersehbare Menschenschlange quer durch Mössingen. … Zehn- bis fünfzehntausend Leute bekennen sich auf der Straße zu Frieden und Demokratie, widersetzen sich Faschismus, Aufrüstung und Krieg. Die Manifestation vom Samstag wird in die Annalen eingehen als die bis dahin größte politische Demonstration in der Steinlachgemeinde.“ Der DGB-Vorsitzende von Baden-Württemberg, Siegfried Pommerenke, wandte sich gegen den „Klassenkampf von oben“ der mit dem Klassenkampf von unten beantwortet werden müsse. Wer „nicht begreift, dass es auch in unserer Geschichte bereits wieder Parallelen gibt, macht sich erneut schuldig!“

Mössinger Kommunisten auf einer Demonstration in Tübingen 1932

Mössinger Kommunisten auf einer Demonstration in Tübingen 1932

( Stadtarchiv Mössingen)

Danach trat diese Erinnerung wieder in den Hintergrund. Zum 80. Jahrestag 2013 folgten 1200 Menschen einem Demonstrationsaufruf „Politischer Streik hätte Hitler gestürzt und den Krieg verhindert“. Inzwischen hat sich auch die überregionale Gedenkkultur des Ereignisses angenommen. Die Trommel von Paul Ayen war 2012/13 das zeitlich erste Exponat der Ausstellung „Anständig gehandelt – Widerstand und Volksgemeinschaft 1933–1945“ im Stuttgarter Haus der Geschichte. Das regional sehr bekannte Theater Lindenhof führte in der ehemaligen Pausa-Halle ein Theaterstück dazu auf, über dessen Entstehung die Journalistin Katharina Thoms einen 2015 erstmals aufgeführten Dokumentarfilm drehte, in dessen Mittelpunkt Andrea Ayen (Tochter, Enkelin und Nichte dreier damaliger Streikteilnehmer) steht. Zum 85. Jahrestag, wird es in Mössingen am 3. Februar um 11 Uhr einen Stadtrundgang zu den damaligen Orten des Geschehens und um 13 Uhr am Jakob-Stotz-Platz (benannt nach dem damaligen Streikführer) findet eine Kundgebung statt.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Generalstreik gegen die Faschisten«, UZ vom 2. Februar 2018





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.