Billischeidentiti

Problematische Kleiderordnung in der Primark-Filiale Weiterstadt
Von Horst Gobrecht
|    Ausgabe vom 14. Juli 2017

Manche Unternehmen lassen es sich viel kosten, um ihre „Corporate Identity“, nach „Google“ dessen Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit, in dem sich seine „Philosophie“ sowie das Leistungsangebot und die Arbeitsweise zeigen sollen, gezielt aufzubauen und attraktiv zu halten. Für die Primark Mode Ltd. & Co. KG in Deutschland gehört dazu auch ein besonderer „Dress Code“, also eine Kleiderordnung. Doch die hiesige Geschäftsführung des irischen Modehändlers gibt sich „schlauer“ als andere Topmanager im gleichen Gewerbe: Sie will nicht bloß ein weltweit einheitliches Erscheinungsbild der Verkäufer/innen (Retail Assistants) in den Stores, sondern möchte diese verpflichten, sich nach gewünschter „Art des Hauses“ auf eigene Kosten einzukleiden.
Das dürfte für die Beschäftigten eines Billiganbieters von Klamotten doch kein großes Problem sein, mag mancher denken. Weit gefehlt! Primark duldet keineswegs, das zu tragen, was im eigenen Unternehmen als Mode verstanden und über ein wachsendes Filialnetz als solche an die Leute gebracht werden soll. Dort, wo es ohne örtlichen Betriebsrat ausschließlich nach dem Willen und dem Druck der Unternehmensleitung geht, sind die Verkäufer/innen verpflichtet, nur lange „formale Hosen, Jeans oder Chino“ in Schwarz oder Dunkelblau zu tragen. Gleiches gilt für Röcke und Kleider bei Frauen; sie müssen „mindestens knielang“ sein. Schwarz hat auch die Oberbekleidung zu sein. Welche Schuhe passen dazu in welcher Farbe? Klar: schwarze oder dunkle.
Wer aus der so genannten „Gothik“-Szene kommt und hier oft auch als „Grufti“ bezeichnet wird, der liebt sicherlich solche düsteren Farben. Allerdings hätte ein/e Kollege/-in mit dieser ausgefallenen Neigung bei aller Begeisterung für Schwarzes bestimmt reichlich Probleme, bei Primark eingestellt zu werden. Denn genau wie Tattoos gelten Piercings im Gesicht nicht als „ordentliches und professionelles Erscheinungsbild“ eine/r Verkäufer/in und sind deshalb „nicht gestattet“. All jene jedoch, die derartige Vorlieben nicht teilen und sich während der Arbeitszeit auch gerne modisch kleiden möchten, werden Schwierigkeiten haben, auf eigene Kosten zum Wohl der „Corporate Identity“ von Primark eine diesen Ansprüchen genügende „angemessene und neutrale Bekleidung“ zu finden, die ihnen selbst gefällt.
Aus diesem Grund hat der Betriebsrat der Primark-Filiale im Einkaufszentrum Loop5 in Weiterstadt für den Abschluss einer Betriebsvereinbarung „Arbeitskleidung“ zwei Lösungsansätze gewählt:
1. Entweder besteht die Geschäftsführung auf ihrer trüben bis finsteren Farbauswahl, so soll sie wie andere Unternehmen den Beschäftigten die notwendige Arbeitskleidung stellen und bei Verschleiß austauschen.
2. Oder die Beschäftigten müssen ihre Klamotten selbst bezahlen, dann sollten sie auch eigenständig entscheiden können, was sie gerne und wie modisch tragen möchten.
Viele Verkäufer/innen sehen in den Vorgaben von Primark aber nicht nur eine enorme finanzielle Belastung, sondern auch einen auffallenden Gegensatz zu der in den Geschäften angebotenen Artikeln in allen Farben und Formen. Denn was die Unternehmensleitung massenhaft verkaufen lässt, entspricht keineswegs ihrer eigenen Vorstellung von „einem sauberen und gepflegten Eindruck“ einer Bekleidung. Diesen offenen Widerspruch hält Primark wohl deshalb für vertretbar, weil der Einzelhändler sehr viel Geld dadurch spart, dass er den Beschäftigten seine „Billischeidentiti“, wie es auf Hessischenglisch heißt, vorschreibt. Was im Store Weiterstadt künftig gelten soll, wird derzeit zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung verhandelt.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Billischeidentiti«, UZ vom 14. Juli 2017





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.